Morgen also sollen wir wieder einmal das unsterbliche Drama von der Liebe erleben, die die Kraft hat, eine Frau wieder zur Jungfrau zu machen. „La dame aux Camélias“. Das Stück ist zu den andern Liebesdramen, wie das Insinitivum des Zeitwortes lieben zu all seinen Konjugationsformen.
Ich verdanke der Ankündigung des Stückes durch das Stadtheater eine köstliche Stunde. Ich habe nämlich gestern Abend aus meiner Bibliothek den Band I der gesammelten Bühnenwerke von Alerander Dumas den Jüngeren genommen und die Vorrede zu der Sammlung und zu der Dame aux Camélias wieder gelesen.
Ich hatte lange nichts mehr von dem jüngeren Dumas in der Hand gehabt. Es war mir zumute, wie einem Mann, der lange nur Grächen getrunken hat und dem man ein Glas alten, goldgelben, duftigen Weines, meinetwegen 1908er, reicht. Wobei de Flers und Caillavet etwa den Grächen und Dumas den 1908er darstellen mögen, und womit durchaus nichts gegen den Grächen gesagt sein soll. Aber es ist ein Genuß, die Prosa Dumas zu schlürfen. Sozusagen kein Satz ohne Pointe. Ist das z. B. nicht kostlich: „Man fragt sich, wo alle diese Leute hinwollen, denen man in der Straße zu Fuß und zu Wagen begegnet. Ils vont demander quelque chose à quelqu’un.“
Alexander Dumas erzählt, wie er dazu kam, das Stück zu schreiben. „Ich habe es in acht Tagen auf die Welt gesetzt, ohne eigentlich zu wissen, wie, kraft der Kühnheit und des guten Glücks der Jugend, eher wegen Geldmangels als auf höhere Eingebung. Nachdem meine meisten Schulden bezahlt waren, konnte ich meinom zweiten Stück mehr Aufmerksamkeit und mehr Zeit schenken.“
Ueber die Schreibweise „Camelien“ statt, wie es richtig hieße, „Camellion“, sagt Dumas: „Ich schreibe Camelien, den Gelchrten zum Trotz, weil George Sand auch so schriob, und weil ich lieber mit ihr falsch als mit den andern richtig schreibe.“
Das Urbild der Marguerite-Gautier, hieß Alphonsine-Plessis, nannte sich Marie Duplessis und war zuerst Bauernmagd gewesen. Dumas entwirft von ihr solgendes Bild: „Sie war groß, sohr schlank, schwarzhaarig mit weißer Gesichtshaut und rosenroten Wangen. Sie hatte einen kleinen Kopf, Mandelaugen, schwarz wie Email, gleich denen einer Japanerin, aber lebhaft und klug, kirschrote Lippen, die schönsten Zähne der Welt: Eine Meißener Figur. 1844, als ich sie zuerst sah, glänzte sie in der Fülle ihres Reichtums und ihrer Schönheit. Sie starb 1847, dreiundzwanzig Jahre alt, an Schwindsucht.
Sie war eine der letzten und seltenen Curtisanen, die Herz hatten. Sicher ist sie darum so jung gestorben. Es fehlte ihr weder an Geist noch an Uneigennützigkeit. Sie starb arm in einer prachtvollen Wohnung, deren Möbel von ihren Gläubigern gepfändet waren. Sie besaß eine angeborene Vornehmheit, kleidete sich geschmackvoll. hatte einen Gang voll Anmut, fast voll Hoheit. Man hielt sie manchmal für eine Frau von Welt. Heute würde man sich anhaltend täuschen .... Wenn Sie auf dem Montmartre-Friedhof nach vom @ der „Dame mit den Camelien“ fragen, so führt Sie der Wärter zu einem kleinen, viereckigen Grabmal, auf dem unter dem Namen Alphonsine Plessis ein Kranz von künstlichen Camelien unter Glas am Marmor befestigt ist.“
Es muß um 1890 herum gewesen sein, als Sarah Vernhardt die Marguerite Gautier zuletzt hier spielte. Sie war damals 45 Jahre jung. Ich sehe sie ewig in der Spielszene des 4. Aktes, die Angst aus ihren Augen sprengte alle Herzen im Saal. Ich kann mir denken, daß Gaby Haubien eine gute Marguerite sein wird.