Original

18. Dezember 1919

Ich ging über den Marktplatz. Es regnete langsam, griesgrämig. Der graue Himmel spiegelte sich in der blanken Westrumit-Haut des Wilhelmsplatzes. Eine Marktfrau ging an mir vorbei. Sie hatte eine rote Frostnase und wischte mit dem Zeigesinger darunter her. Mit dem linken. Denn am rechten Arm trug sie einen Marktkorb, einen richtigen Marktkorb, in dem sie früher Butter und Eier und Kochkäse zur Stadt gebracht hatte. Jetzt ist er leer, sie hat sich ihn nur aus alter Gewohnheit an den Arm gehängt, um eine Ansprache zu haben. Unter dem Henkel durch ist ein faltendicker Regenschirm gezogen. Auch den hat sie nur aus alter Gewohnheit bei sich, sie läßt ihn trotz des Regens unaufgespannt.

Ich gehe weiter, zwischen den Gemüseständen durch. Kappes, Salat, gelbe und rote Rüben durchbrechen farbig die elegische Molltonart des Regentages. Nichts ist frischer, als so ein krauses Salatköpfchen mit dem hell abgetönten Scheitel in der Mitte. Aber das Gemüse beklagt sich bei mir. „Ihr Menschen - sagt der Salat - seid eine merkwürdige Sorte. Ihr schneidet uns von der Brust unserer Mutter Erde los und fahrt und stoßt uns herum, Tage lang, Wochen lang. Warum macht Ihr es nicht, wie das liebe Vieh? Das frißt Kraut und Rüben direkt von der Erde weg, es hat sein Gemüse immer frisch, und uns ist es auch lieber so, statt daß wir in Eueren Körben eines langsamen Verschmachtungstodes sterben müssen.“

Ich entzog mich den Klagen des Gemüses, denn ich habe mich bei den Menschen an allerhand Querulanten verekelt. Und ich kam dahin, wo einst die Butterreihe war.

Da also standen sie früher, die Änni und die Kätty und die Marri und die Se’ß und hielten ihre Körbe vor den Leib gestemmt, und die Hausfrauen kamen und nahmen unter dem Butterweck, wo es niemand sah, ein Nagelpröbchen und fragten, ob die Eier frisch seien, und gingen ein paar Körbe weiter, ohne zu kaufen. Und die Kätty dachte: „Du altes Dippen, meine Butter und meine Eier sind frischer, als du!“ Oder aber Studenten und Kommis, die ein Viertelstündchen frei hatten, gingen die Reihe entlang und sagten, wo die schönste stünde, und ob sie von Contern oder Leudelingen oder Cessingen oder Kopstal war. Und ein Polizist spazierte feierlich einher und markierte Ordnung und Obrigkeit. O du wonnige Butterreihe von dazumal! Aber heute ist da weder Änni noch Kätty, weder Ei noch Butterweck, ein paar Taglöhner haben eine Mispelernte aufgefahren und hoffen, daß ihnen die Stadtleute die nutzlosen Schmarotzer für schweres Geld abkaufen.

Auch die Mispel beklagt sich bei mir. „Was fällt Euch denn ein, mich so ohne Urteil und Recht von meinem nahrhaften Apfelbaum abzusägen! Wißt Ihr denn nicht, daß ich ein heiliger Strauch bin! Daß ich sozusagen der geistliche Herr unter den Sträuchern bin! Ich brauchte nichts zu schaffen und lebte behaglich von dem Saft, den mir der Apfelbaum heraufpumpte. Und nun kommt Ihr und bringt mich um Amt und Brot und wollt mich zu Geld machen! Ihr seid Spitzbuben, Hallunken, Diebe, Räuber, Mörder! Ihr seid Menschen!

Was brauche ich mir von einer Mispel Verbalinjurien gefallen zu lassen! Ich hätte ihr ja sagen können, daß sie es noch besser haben wird, daß man sie an einen Kronleuchter in eitel Glanz und Herrlichkeit hinhängen wird und daß sich unter ihr die Verliebten einen Kuß geben dürfen, wenn sie sich grade treffen, und daß es da viel schöner sein wird, als in Schnee und Regen trgendwo um Nospelt oder Leudelingen herum auf einem alten Apfelbaum zu hängen.

Aber ich sagte lieber nichts und ging weiter. Und als ich mich am Ende umdrehte und einen letzten Blick auf die frühere Butterreihe warf, da klang mir auf einmal das Wort in den Ohren, das Herr Echiltz dieser Tage in der Kammer von den Marktsrauen gesagt hat:

„Sie werden nie mehr wiederkommen!“

Es ist fatal, wenn man von einem weiß, daß er nie wiederkommen wird. Und wären es auch nur die Butterfrauen.

Aber es sind leider nicht nur die Butterfrauen.

TAGS
    Katalognummer BW-AK-007-1559