Original

20. Dezember 1919

’n Morgen Kinder!

Also wir leben noch! Ich hatte ja auch von dem Weltuntergang gehört, aber ungläubig, wie ich von klein auf bin, verhielt ich mich zu der Prophezeiung ablehnend. Nur als dieser Tage eine verehrte Kollegin von der Feder mir aus Metz einen Zeitungsausschnitt mit der Weissagung des Kanonikus WebbPoplas aus Hova schickte und mir dazu ins Gewissen redete, hatte ich einen Augenblick lang wahre Dies irae-Stimmung.

«Il n’y a pas lieu de s’effrayer, ajouta le Chanoine, mais d’être prêt!»

Bereit sein! Öl auf seiner Lampe haben. Ja, das ist es! Wenn man hienieden auf Reisen geht, ist die Sache sehr einfach. Man stellt sich in sein Toilettezimmer und legt den Zeigefinger auf den Scheitel, an die Stirn, an die Nase, an den Mund, ans Kinn, an den Hals usw. bis herunter zur Sohle. Und jedesmal, wenn man einen Körperteil berührt, fällt einem ein, was man mitnehmen muß: Kamm, Kneifer, Taschentücher, Rasiermesser, Seife, Bartpinsel, Zahnbürste, Mundwasser, Kragen, Kravatten usw. usw. Und man legt alles hübsch fein und säuberlich in den Reisekoffer und hat schließlich seine Siebensachen lückenlos beisammen.

Wenn man aber die letzte Reise tut, so braucht man nichts mitzunehmen, rein gar nichts. Da bezieht sich das Vereitsein auf das, was man zuhaus läßt. Ich meine natürlich nicht Schätze, die Rost und Motten und Mäuse verzehren, die kann der gewöhnlichste Kettenhändler ohne moralische Anstrengung hinterlassen. Aber gesagt haben, was man zu sagen hatte, seine Früchte zur Reife gebracht haben, nicht verschwinden müssen mit dem Bewußtsein, daß man das beste, dessen man fähig ist, ungeboren mit ins Grab nimmt. Bereit sein denke ich mir so, wie der Baum bereit ist, der seine Früchte hergegeben hat und im Schmuck seiner bunt und harmonisch gefärbten Blätter in der leisen, sanften Spätherbstsonne den Winter erwartet.

Nein, die Welt darf noch nicht untergehen. Es sind noch nicht alle Früchte reif, die der Baum der Menschheit tragen muß, damit die Menschheit vor sich selbst bestehen kann.

Daß die Welt gerade „unter“ gehen soll, war mir immer ein Rätsel. In der Unendlichkeit des Raumes gibt es kein oben und kein unten. Wir meinen immer, oben sei da, wo unser Kopf ist, wenn wir auf den Füßen stehen. Es ist gut, daß zwischen uns und denen auf der andern Seite eine ganze Weltkugel steht, sonst gerieten wir uns mit unsern Antipoden in die Haare darüber, wo unten und oben ist. Die Welt geht unter im Raum - das stellen sich die Ängstlichen vor, wie wenn ein Schiff im Meerwasser untergeht. So ist es auf keinen Fall, aber wie es wäre, kann ich mit Bestimmtheit leider auch nicht sagen. Wenn einmal einer der ungezählten Himmelskörper aus seiner Bahn geriete und einen andern anrännte, dann müßten doch wohl alle andern aus der Bahn geraten und aufeinanderplatzen, und die Stücke und Trümmer würden weiter kreisen oder sich zu Staub zerreiben und aus dem Staub würden wieder ein neuer Urnebel und ein neues Weltall.

Ich habe mir als Kind oft im Dunkeln die angstvolle, großäugige Frage gestellt: Wie, wenn keine Welt wäre? Alles totenstill, alles nachtschwarz, und du mitten drin! Du riefest und es käme kein Widerhall, der leere Raum würde Deine Stimme in sich hinein trinken, es wäre kein Morgen und kein Abend, der unheimliche Augenblick, in dem Du diesen Gedanken fassest, würde sich schwarz und schweigend zu einer Ewigkeit ausdehnen! Und es wurde mir unheimlich zumut wie einem lebendig Begrabenen. Aber es war nicht besonders bescheiden von mir, daß ich mich gleich als einzigen Menschen und als Mittelpunkt in die leere Ewigkeit hineindachte.

Also wir leben noch! Gestern nacht, gegen 2 Uhr, tat es ein paarmal Donerschläge mitten in den Sturm hinein, daß man sehr gut an eine Ouverture zum Weltuntergang glauben konnte.

Bedeuten Wintergewitter nicht ein gutes Jahr? Wir könnten es gebrauchen.

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    Katalognummer BW-AK-007-1561