Original

25. Dezember 1919

Ein Stern ging auf im Osten ....

Man weiß nur nicht recht: Ist es ein Stern oder ist es eine Feuersbrunst?

Drei Könige sahen ihn ....

Bald heißt es die drei Könige, bald die drei Weisen aus dem Morgenland.

Das war wohl zur Zeit, als alle Könige Weise waren, oder als nur Weise König werden konnten.

Den Stern, der im Osten aufging, sahen auch heute die Könige. Sie sind noch ein paar mehr, als grade drei, aber nicht viel mehr.

Und sie freuten sich nicht über den Stern, wie die drei weisen Könige aus dem Morgenland. Sie bereiteten ihm nicht Gold, Myrrhen und Weihrauch, sondern Flinten, Kanonen, Handgranaten und Giftgase.

Und doch sagen die, die den Stern - oder die Feuersbrunst entzündet haben: Es ist derselbe Stern! Und er will der Menschheit denselben Segen bringen, wie der, der vor 1920 Jahren über dem Stall von Bethlehem stehen blieb. Und sie verkünden heute von Osten dieselbe frohe Botschaft, wie der Stifter des Christentums. Sie wollen auch allen Mühseligen und Beladenen helfen. Und verkünden der Welt, die nicht auf sie hören will: Ihr törichten Menschen wißt nicht, was wir sind und was wir wollen! Unser Joch ist süß und unsere Bürde ist leicht. Und wer nicht für mich ist, der ist wider mich. Wer da aber lau ist, den will ich aus meinen. Munde speien. Wer nicht pariert, der fliegt!

Die Jungen glauben es und blicken sehnsüchtig nach dem Stern, die Alten aber glauben nicht an ihn und schreien Zeter und Mordjo. Und wollen Revolutionäre ans Kreuz schlagen.

Es wird, wie damals, eine Zeit kommen, wo die Könige und die Herrscher der Welt die neue Botschaft hören werden, weil sie glauben werden, daß sie in diesem Zeichen siegen. Das wird sein, wenn sich die neuen und die alten Herrscher verstehen und wenn aus der Revolution eine Kirche, aus den Aposteln Pfaffen geworden sein werden. Dann werden die Mühseligen und Beladenen wiederum das Nachsehen haben.

Ich las dieser Tage in der „Sichel“, der Zeitschrift der deutschen Expressionisten, einen Aufruf von Romain Rolland der das Heil der Menschheit von der Zeit erhofft, wo es keine Völker mehr, sondern nur noch Menschen geben wird.

Er hätte weiter gehen und sagen müssen: Von der Zeit, wo es keine Klassen mehr, sondern nur Menschen geben wird. Solange Volk gegen Volk und Klasse gegen Klasse kämpft, solange können uns alle Sterne aus dem Osten und alle Friedensbotschaften aus der Höhe nichts helfen.

Fühle sich jeder als Mensch, gut, aber sei er überzeugt, daß auch die andern, die er für seine Feinde hält, Menschen sind. Sage keiner: Ich will auf den Trümmern der alten Welt eine neue aufbauen. Denn was er zu Trümmern schlagen will, das sind die Werte, die reines und lauteres Streben und Schaffen von Jahrhunderten und Jahrtausenden zu ewigem Bestand aus sich herausgeboren hat und die jede angeblich neue Welt aus sich neu erzeugen muß, soll das Leben in ihr wert sein, gelebt zu werden.

Raum für alle hat die Erde - die eines guten Willens sind!

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    Katalognummer BW-AK-007-1563