Original

28. Dezember 1919

Richtig hatten sich einige, durch das Vorbild der Amerikaner verlockt, den Schnurrbart abrasteren lassen.

Da erschraken sie vor sich selbst.

Gestern begegnete mir einer davon. Die Stoppeln auf seiner Oberlippe sind schon wieder zwei Millimeter lang.

„Ich beginne wieder anständig auszusehen,“ sagte er mit einem Seufzer der Erleichterung.

Sie lachen über das Abenteuer und sagen, es sei eine reine Mode-Angelegenheit.

Bitte, es ist anderes und mehr.

Es ist eine Sache der Selbsterkenntnis und der Selbsterziehung. Ich will Ihnen sagen, warum.

Wir stecken ja alle miteinander voll der abscheulichsten Instinkte. Wir sind alle geborene Feiglinge, Genußmenschen, Egoisten, grausam, faul und gefräßig.

Und wir sind von Jugend auf, von dem Tage an, wo wir unser selbst bewußt werden, darauf aus, diese Instinkte wonicht zu ertöten, so doch vor der Welt zu verbergen. Wir verbergen sie hinter unsern Worten und Taten, hinter unsern Blicken und Mienen, und so machen wir allmählich aus uns leidliche Gesellschaftstiere, die mit Hilfe der Gendarmen und Gerichte ohne zuviel Mord und Totschlag nebeneinander herleben.

Sind wir uns aber selbst überlassen, wissen wir uns unbeobachtet, so lassen wir uns gehen. Wir legen keinen Wert darauf, energisch auszusehen, wenn wir grade „die Flemm“ haben, asketisch, wenn uns der Sinn nach Genuß steht.

Nun weiß jeder, der sich für Physiognomik einigermaßen interessiert, daß viel deutlicher noch, als in den Augen, die Seele im Mund, in der Form der Lippen ihren Ausdruck nicht zufällig findet, sondern bewußt sucht. Der Mund, mit dem wir vor Urzeiten das Leben erkämpfen mußten, ist noch heute das Organ, in dem sich unser Wille zum Leben in allen Abstufungen am deutlichsten ausdrückt. Zorn, Liebe, Gier, Abscheu, Spott, Pathos, alle Bewegungen der Seele strömen sich in unsern Lippenmuskeln aus.

Wissen wir nun, daß die Spiegelung all dieser intimen Seelenregungen hinter dem Vorhange eines Schnauzbartes vor sich geht, so legen wir ihnen keinen Zwang auf. Und so fahren sich allmählich die Geleise aus, unsere Münder behalten den Ausdruck, der ihnen am geläufigsten ist und werden an uns zu Verrätern, sobald sie hüllenlos dem Blick preisgegeben sind.

„Ich kam mir vor, als liefe ich nackt herum,“ sagte der Jüngling, der sich den Schnurrbart wieder wachsen läßt.

Hat nun einer vom ersten Tage seiner Mannbarkeit an sich die Lippen blank schaben lassen, so hat er seinen Mund beständig in der Fuchtel und erzieht ihn dazu, daß er nur zeigt, was er darf, ohne den Mann zu kompromittieren. Es bildet sich ein Durchschnittsmund heraus, der ist, wie ein Uniformstück: Zweckmäßig und kleidsam. Die Seele kriecht allmählich aus den Lippen zurück, weil sie nicht in all ihrer Blöße im Schaufenster liegen will.

Sehen Sie nun, daß die Bartlosigkeit von Jugend auf geübt sein will!

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    Katalognummer BW-AK-007-1564