Jemand hat mir zu Weihnachten ein Album geschenkt, das aus Aufnahmen des Wiltzer Photographen Kämmerer zusammengestellt ist. Die Bilder sind durch die Bank so schön, daß sie nach Vervielfältigung und Verbreitung im Land schreien. Ich habe z. B. nie ein so feenhaftes Märchenbild von der neuen Clerfer Kirche, kaum eine so wundervolle Aufnahme von Wiltz gesehen. Es sind Porträts, Genrebilder, Tierstudien, Landschaften zu allen Jahreszeiten: Alle sind ausgezeichnet durch die Wahl der Stimmung und des Standpunkts, den Ausschnitt und die überlegene Sicherheit der Ausführung. Ich nenne aufs Gratewohl Bilder wie: Vorfrühling, Sommermusik, am Mühlenteich, Die G’schamige, Trüber Winternachmittag, Zwischen Ginster und Heide, Wilderers Hütte, Weidegang, Bergpfad, Wiesengrund usw. usw. Die öslinger Verschönerungsverine sollten sich zusammentun und die Herausgabe dieses Albums in die Hand nehmen. Ich sehe übrigens nicht ein, warum sich die andern Verschönerungsvereine des Landes daran nicht beteiligen und das Album aus einem Öslinger zu einem Luxemburger Album anwachsen lassen sollten. Amateure, wie Herr Scharff-Vanière@ die besten Amateurphotographenvereine u. a. m. werden ihnen gerne das herrlichste Material zur Verfügung stellen und Herr J. B. Fischer, der bekannte Künstler mit der Kamera, wird ihnen gerne die Auswahl so besorgen helfen, daß aus dem Ganzen ein köstliches Werk würde.
Nachdem ich mich so für die Bilder des Herrn Kämmerer gleichsam ad usum Delphini publici, des Dauphin Publikum ausgeschwärmt habe, möchte ich ihm privatim sagen, welches davon mir persönlich den tiefsten Eindruck gemacht hat. Es heißt «Le Calvaire de Longvilly» und ist ein ganz seltsames Bild. Trüb und dunkel in der Stimmung. Vorn ein sanfter Hang von links nach rechts, im Mittelgrund ein paar düstere Tannenwipfel gegen den bleiernen Himmel, dahinter im Grund ein paar Häuser und der Kirchturm. Und in all dieser Düsterheit steht ganz vorn ein schlichtes Kreuz erhöht. Seitenansicht. Die Gestalt des Erlösers hängt schlaff daran herunter, mit geneigtem Haupt. Das Wunderbare daran aber ist das Licht. Weiß steht es da, das Kreuz auf dem Kalvarienberg des belgischen Ardennerdörfchens, weiß, ganz unvermittelt und unglaublich weiß. Als ob es das Licht von innen ausstrahlte. Man kann sich nicht denken, woher in diese dunkelgraue Trostlosigkeit sonst all das Licht käme, mit dem das Kreuz und der Gekreuzigte ragend sich abheben. Mir fiel auf Anhieb das selt- same Bild Dieffenbachs ein, das Großherzog Adolph dem armen nassauischen Maler abgekauft und in das Luxemburger Stadthaus geschenkt hat: Christus am Kreuz, der in der Einsamkeit eines Bergwaldes dem müde hingesunkenen Pilgrim Dieffenbach mit dessen eigenen Zügen glanzverklärt erscheint. Und dann mußte ich an einen andern Armen denken, an Schlemihl, der seinen Schatten verkauft hatte: Denn das Kreuz von Longvilly, so licht und strahlend es dasteht, wirft keinen Schatten!
Darum hat man den Eindruck, daß es von innen strahlen muß.
Wie alle Armen, die im Düstern wandeln und ihr Glück und Licht aus ihrer eigenen Seele nehmen müssen.