Original

3. Januar 1920

Als ich grade ausgehen wollte und die Türe öffnete, stand ein junger Mann davor und hatte an einem Riemen einen grauen Kasten, wie eine kleine Drehorgel anhängen.

Er ließ es nicht auf lange Fragen ankommen, sondern schlug gleich den Deckel seines Kastens auf und frug, ob wir keinen Zwirn, keine Litzen, keine Nadeln, keine Schuhschnüre kauften. Ich sagte natürlich nein, wie man immer sagt, wenn einer einem ungebeten etwas zu kaufen hinhält.

Er grub darauf tiefer in seinen Warenbestand hinein und sagte einen ganzen Katalog fließend her. Ich ließ mich nicht erweichen er klappte den Deckel wieder zu, zog die Mütze und empfahl sich.

Das war der erste Hausierer, den ich seit Menschengedenken wieder gesehen hatte. Er war ein schmucker Bursche, und ich bin überzeugt, er sieht es überall lieber, wenn ihm die Köchin oder das Dienstmädchen und nicht zufällig der Hausherr aufmacht.

Ich glaube, daß diese den Lockungen seines Kastens nicht widerstanden hätten. Bedenken Sie: daheim in seinen vier Wänden, unbehelligt durch andere Kunden und uneingeschüchtert durch ein fremdes Milieu, nur so kramen dürfen, kramen in diesem raffiniert zusammen gestellten Mikrokosmus aller Schätze, nach denen Hausfrauensinn steht, und dann feilschen, feilschen nach Herzenslust, als ginge es um Tod und Leben! Und ist der Hausierer ein schmucker Bursche, so ist noch ein klein wenig für’s Gemüt dabei, in allen Ehren natürlich, nur ein ganz leises Anklingen der Aeolsharfe tief drunten im Dunkel, wo die Gefühle schlummern.

Ich liebte immer die Hausierer und die Hausiererinnen. Wenn sie kamen, war mir, als hätte mir einer ein schönes Bilder- oder Märchenbuch geschenkt. Sie waren wie ein Fensterchen, ein Guckloch nach der „weiten wilden Welt“, die einem versprochen war, die man sicher war, einmal ganz und inbrünstig zu erleben - durch leben sich zu eigen zu machen. Sie waren ein Stückchen Inhaltsverzeichnis des Lebens.

Ich erinnere mich noch an das alte „Goarkättchen“ von Dalheim. Sie war mir schon deshalb merkwürdig, weil sie eine engere Landsmännin des „Pomperneckel vun Duelom“ war, der immer „zans em den Owend“ unter dem molodischen Dreiklang der Glocken begraben wurde. Aber sie wußte mir nie näheren Aufschluß über ihn zu geben. Dagegen wußte sie aufgeregt über allerhand sonstige Ereignisse und Erscheinungen zu berichten. Irgendwo hatte der Schullehrer mit seinen Kindern zum Jahresschluß „Thirater“ gespielt, oder eine Pfarrersköchin hatte dem Goarkättchen die „Bibermathek“ ihres hochwürdigen Herrn gezeigt, und das Kättchen versicherte, der Herr wisse alle Bücher auswendig von a bis zett. In den ersten Kriegstagen von siebzig war sie es, die in der Gegend die Sage herumtrug, am Pfarrhaus in Rodemachern sei schon wochenlang vorher in einer Scheibe ein Schwert und ein Kreuz erschienen gewesen, was unbedingt Krieg bedeutet habe. Und dabei maß sie mit unfehlbarer Sicherheit ihre Bänder herunter. Von der Daumenspitze bis an den Ellenbogen war es immer eine Elle, je nachdem sie es gut meinte, legte sie den Daumen zurück oder streckte ihn nach vorwärts.

Der liebste Hausierer war mir „der“ Kapomännchen von Düdelingen:

Er hatte einen grünen Holzkasten, den er an zwei Lederriemen auf dem Rücken trug. Den stellte er auf den Tisch und öffnete ihn wie ein Tabernakel. Drinnen lagen die schönsten Mützen, die je im Großherzogtum und den anstoßenden Provinzen ein Buben- oder Männerhaupt geschmückt haben. Man hatte die Wahl. Der Kapemännchen sah uns Buben direkt an, für welche Kappe wir uns entschieden hatten und setzte durch, daß wir sie bekamen. Außerdem war er ein liebenswerter Mensch, der vom Leben rund geschliffen schien, er redete still und behäbig vor sich hin und erfählte von draußen mit der schönen Überlegenheit, die aus der Wurschtigkeit fließt. Ich habe lange darnach gestrebt, zu werden, wie der Kapomännchen.

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    Katalognummer BW-AK-008-1567