Ich bitte, mir von heute ab keine Maikäfer mehr schicken zu wollen. Mein Bedarf ist gedeckt. Außerdem muß es einem Maikäfer, der an die frische Luft gewöhnt ist und der seinen Namen vom Wonnemonat hat, äußerst peinlich sein, in eine Streichholzschachtel gesperrt und in eine Redaktionsstube geschickt zu werden.
Sechs bis sieben Maikäfer kann ich um mich herum vertragen, auch noch acht oder neun. Werden es mehr, so können sie auf die Dauer lästig wirken. Jetzt sind es, glaube ich, siebzehn. Zwei sind verblichen, kurz nachdem sie bei mir eingetroffen waren. Die andern gewinnen kein richtiges Verhältnis zueinander. Es ist, als wüßten sie, daß jeder von ihnen den Anspruch erhebt, entweder der letzte von 1919 oder der erste von 1920 zu sein. Sie sehen sich mit schelen Augen an. Eifersüchtige Konkurrenten. Sie brummen über dem Radiator der Zentralheizung gegen die Fensterscheiben und finden es nicht nett, daß da, wo sie eitel Lust und Sonne vermutet hatten, plötzlich ein Hindernis ist, über dessen Wesen sie sich nicht klar sind und gegen das sie immer wieder anfliegen. Sie ahnen gar nicht, daß jeder von ihnen eine Berühmtheit ist, sozusagen, etwas in der Art, wie ein Wunderkind, das mit sieben Jahren Klavier spielt, wie Paderewsky oder Violine, wie Sarasate.
Ich habe in bezug auf diese Renommiermaikäfer ein schlechtes Gewissen und bitte schon deshalb, mir weiter keine zu schicken. Ich hoffe, diese siebzehn bringe ich durch, ohne daß einer von ihnen eines unnatürlichen Todes zu sterben braucht, aber machen Sie es mir bitte nicht noch schwerer.
Eines Tages ging mir durch die Post eine der längst bekannten Streichholzschachteln zu. Ich wußte schon, was los war. Drinnen krabbelte es ganz vergnügt. Aber ich hatte keine Zeit. Ich mußte einen Wahlartikel schreiben und stellte die Schachtel mit dem Maikäfer auf einen Nebentisch. Sie geriet schließlich in Vergessenheit.
Da las ich eines Tages eine Geschichte von Wilhelm Schäfer: Sie handelt von einem Fräulein mit einem grünen Schleier, das in Niederlahnstein den Rheindampfer verließ und auf den Turm der Ruine Burg Lahneck kletterte. Die Treppe brach hinter ihr zusammen und sie konnte nicht wieder herunter. Sie rief und winkte mit ihrem grünen Schleier, aber die Leute unten meinten, es sei oben eine lustige Gesellschaft, die sie foppen wollte. Das Fräulein galt als verschollen, und als nach langen Jahren die Ruine restauriert wurde, fand man oben ein Skelett von feinen Maßen und wußte auf einmal, was aus dem verschollenen Fräulein geworden war.
Als ich die Geschichte zu Ende gelesen hatte, ging ich zu Bett. Und im Traum erschien mir das unglückliche Fräulein, aber es war kein Fräulein, sondern ein Maikäfer, und er winkte nicht mit einem grünen Schleier, sondern mit einem seiner Füßchen aus dem kleinen Lustloch in der Streichholzschachtel. Mein erster Gang am nächsten Morgen war .... natürlich, das arme Tier ..... längst tot und verdorrt ..... ich sein Mörder .... nur ein Maikäser .... aber wer weiß!
Also ich bitt’ schön, keine Maikäfer mehr!