Original

6. Januar 1920

Frau Marie Wertheim-Hemmer die Tochter unseres früheren Kammerpräsidenten Herrn Eduard Hemmer aus Cap, veranstaltet in ihrem Haus am Äußeren Ring vom 8. bis 17. Januar eine Ausstellung balkanischer Teppiche, Stickereien, Spitzen, Gewebe, Möbel usw.

Zum Besten der hungernden Kinder von Wien und Budapest.

Sollen wir hingehen? Wir, die den Krieg hindurch unter dem schmählichen Zwang der Bundesgenossen Wiens und Budapests geflucht haben, wir, deren Herzen immer bei den Feinden Osterreich-Ungarns in diesem Krieg waren! Sollen wir es uns fünf Franken kosten lassen, damit ein paar Kinder weniger in Budapest und Wien verhungern?

Mir fällt die Geschichte ein: Die Frau Oberkonsistorialrätin sagt zu ihren Kindern: Martha, Hermann, Ihr dürft nicht mehr mit den Kindern von Bärmanns nebenan spielen, das sind Judenlinder, und die Juden haben Christum den Herrn gekreuzigt! Darauf die kleine Martha: Ich versichere dir, Mutty, die Bärmanns waren nicht dabei!

Ja, sie wollten Christum den Herrn kreuzigen. Jener österreichische Thronfolger, dessen Ermordung das Signal zur Ermordung von Millionen wurde, war von dem preußischen Militarismus angesteckt, der den Heiland der Welt, die schöne, klare, lateinische Kultur in die Sklaverei führen, morden, vernichten wollte.

Aber die Kinder waren nicht dabei!

Daß Wien und Budapest unerhörtem geistigem und leiblichem Elend preisgegeben sind, daß sie wie entsetzliche Kadaver von Riesenfabeltieren unter dem Himmel verwesen, ist ein schauerliches Gericht - sie büßen für die Sünden derer, die über ihnen standen.

Aber sollen die Kinder mit büßen für Verbrechen, an denen sie nicht schuldig sind? Die dort in Wien und Budapest am allerwenigsten!

Liebe Leserin und lieber Leser! Ich bin in arger Versuchung, an deine Tränendrüsen zu rühren. Mit Kinderschicksal anständigen Menschen eine Träne und ein Fünffrankstück abquetschen ist so leicht, daß ich mich beinahe schäme, darüber noch mehr Worte zu verlieren. Ich möchte nur eines sagen: Denket jeder und jede von Euch nicht an die abertausend Wiener und Budapester Kinder, die Hungers sterben müssen - denket lieber nur an ein Kind - ein Kind, das Ihr kennt, das Euch lieb ist, dessen Händchen schon in Eurer Hand lag, dessen Augen schon voller Vertrauen in Eure Augen geblickt haben - denket Euch dies Kind, grade dieses am Verhungern und Erfrieren, und denkt Euch die Mutter dazu, die die Hand nach Eurer Gabe ausstreckt ....

Und außerdem, meine Damen - denn auf Sie habe ich es speziell abgesehen - sind Ihre fünf Francs nicht hinausgeworfen. Denn Sie bekommen dafür Schätze zu sehen, die Sie sonst in Ihrem Leben nie in solcher Auswahl und solchem Reichtum mehr beisammen sehen werden. Frau Wertheim hat während ihres langjährigen Ausenthaltes am Balkan die prachtvollsten Sachen an Ort und Stelle, wo sie gewachsen waren, gesammelt. Sie ist für den Balkan ungefähr, was Herr Eugen Ruppert für China ist. Wer seine Sammlungen gesehen hat - und viele haben sie gesehen - kann sich ungefähr einen Begriff machen von den Schätzen, die in der Wertheim’schen Wohnung zusammengetragen sind.

Also: Vom 8. bis 17. Januar, Äußerer Ring, eines der ersten Häuser südlich der Merler Straße, von 10-12 und von 2-5. Entree 5 Francs.

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    Katalognummer BW-AK-008-1569