Der Herr Pfarrer von Nospelt hat seiner Gemeinde, wie es scheint, an einem der letzten Sonntage Ärgernis gegeben. Warum soll man es nicht sagen? Er hat in seiner Predigt die heiratsfähigen jungen Leute aufgezählt und sie aufgefordert, vor den Altar zu treten und zur Erhöhung der Geburtenzahl beizutragen. So schreibt mir ein Korrespondent von dort, und ärgert sich über den Skandal, und der Herr tue wirklich besser, solche Themata mit denen, die die Sache angeht, bei geschlossenen Türen zu verhandeln, dann bräuchten die Kinder nicht zu hören, was nicht für ihre Ohren bestimmt ist.
Ich kenne weder den Herrn Pfarrer von Nospelt noch meinen Korrespondenten von dort. Aber ich muß sagen, der Herr Pfarrer hat recht. Möglich ist es ja, daß er seine Predigt auch ein wenig zu dem Zweck gehalten hat, seine Sporteln zu erhöhen. Er kann doch nicht gut den Leuten zureden, daß sie in Haufen das Zeitliche segnen, damit er desto mehr Sterbegelder einheimse. Das nähmen ihm erstens die Leute übel und zweitens wäre am Ende das ganze Nospelt ausgestorben. Wohingegen, wenn er sich an Taufgeldern bereichert, das Dorf der schönsten Zukunft entgegen gehen muß.
Ich kann es so einem Pfarherrn, offen gestanden, innig nachfühlen, wie er sich ärgert, daß die Jugend seines Dorses auf dem Stengel vertrocknet, daß die Burschen ihren Bedarf an Liebesglück bei Sängerinnen und Kellnerinnen oder noch Schlimmerem decken und daß sich die Häuser nach und nach mit alten Jungfern und alten Hagestolzen füllen. Speziell für Nospelt wäre es schade, denn die Rasse ist gut im Stoff. Und als früher die Dippenbeckerei noch im Schwang war, gab es jährlich zwischen 30 und 50 Kindtaufen. Das ließ sich hören. Mein Korrespondent mag sich ärgern, wie er will: Wäre ich Pfarrer in Nospelt, ich wollte den Heiratsstörrigen noch viel kräftiger den Marsch blasen, auf die Gefahr hin, die unschuldigen Kindlein zu skandalisieren, die schon von selbst genau Bescheid wissen und nicht auf die Predigten am Sonntag warten, um zu hören, wo Barthel den Most holt.
Ich glaube aber, daß ich die Sache andererseits etwas verschieden einzufädeln suchen würde. Die Herren Pfarrer, die den jungen Leuten das Glück und den Segen des heiligen Ehestandes anpreisen, vergessen, daß sie ihre Katze im Sack verkaufen wollen. Sie wehren sich mit Händen und Füßen dagegen, daß der Hans und die Grete das Jahr hindurch mit einander in Berührung kommen sollen, und dann verlangen sie auf einmal, sie sollen sich heiraten. Sie errichten zwischen den Geschlechtern eine Mauer, über die Keines hinwegschielen oder gar hinüberklettern darf, und dann soll eines Tages die Heirat ein Loch in die Mauer brechen und die Beiden zusammenführen. Warum werden, statt der Jungfrauen- und Jünglingsvereine, draußen keine gemischten Vereine gegründet, in denen sich die jungen Leute kennen lernen und zusammenfinden können? Es wäre zum lachen, wenn es nicht zum heulen wäre, wie sich heutzutag der Verkehr der Geschlechter draußen häufig nur auf Grobheit und Brutalität seitens des jungen Mannes und Mißtrauen und Angst seitens des jungen Mädchens aufbaut. Von gesundem, unbefangenem Verkehr der Geschlechter keine Spur. Es gehört schon Heroismus dazu, wenn Einer aus sich heraus den Entschluß zur Heirat faßt.
Was meinen Sie, Herr Pfarrer, wäre da nicht die Axt an die Wurzel zu legen?
Und meinen Sie nicht auch, Sie könnten den reichen Bauern ein bißchen ins Gewissen reden, damit sie auf das Zweikindersystem verzichten und es nicht mehr ihren Tagelöhnern überlassen, das Land zu bevölkern? Wenn einer schon Produzent ist, soll er auch produzieren, wie, Herr Pfarrer?