Original

8. Januar 1920

Ich habe den schönsten Nachhauseweg, den ein Städter haben kann.

Ich gehe gradenwegs in den Himmel hinein, zwischen zwei Reihen alter Kastanienbäume, die im Sommer einen langen, grünen Tunnel bilden. Hinter der Tunnelöffnung leuchtet der Westhimmel. Über das „Geißknäppchen“ kriegerischen Andenkens, über die Leudelinger Wälder, über den Zolverknapp hinweg geht die Richtung zeilgerade in den Himmel. Manchmal steht um diese Zeit am Spätnachmittag die Sonne dort über den Wäldern so unwahrscheinlich riesengroß, daß man an eine Weltkatastrophe glauben möchte.

Übrigens hat man die Wahl. Mittags fahren draußen durch die Landschaft die Züge nach Brüssel und Paris, weiße Rauchraupen quellen vorwärts - wenn Sie also lieber nach Paris und Brüssel träumen, statt gradenwegs in den Himmel, es steht Ihnen frei.

Ich habe schon oft hier darüber geklagt, daß ein altes Städtebild nach dem andern verschwindet, ohne eine Spur zu hinterlassen. Man sollte doch endlich jeden, der ein Haus neu oder umbaut, dazu verpflichten, daß er vorher von dem Ortbefund eine Aufnahme machen läßt und in das städtische Archiv abliefert, das hierfür freilich erst angelegt werden müßte.

Jetzt geht’s mir selbst an den Kragen, mein himmlischer Nachhauseweg wird bald gelebt haben. Bald wird sich vor die Aussicht auf Feld und Wald und Wiesen, auf Geißknäppchen, Leudelingen, Zolverknapp, auf die quellenden weißen Rauchraupen, die wie mit Lockfingern in die Ferne winken, auf den Dromedarbuckel des Zolverknapp - bald wird sich vor dies ganze Schaufenster der Freiheit eine Kulisse von Häusern und Villen schieben. Der geheimnisvolle Zug nach Westen, der Zug Christoph Columbus’ und der Zug der Sonne tut draußen auf einmal wieder einen Satz, wie in den Jahren nach der Schleifung der Festung, wo das ganze Viertel westlich vom Stadtpark aus dem Boden schoß. Herr Achille Giorgetti baut auf dem Terrain, das seinerzeit vom großherzoglichen Hof draußen an der Straße nach Hollerich veräußert worden war, einen ganzen Stadtteil. Im Oktober sah ich dort ein paar Leute in der Erde herumbuddeln, jetzt, nach drei Monaten, sehe ich sie an drei fertig gebauten Häusern die Dachstühle richten. Amerikanisches Tempo. Aber das ist nur ein leichter Auftakt. Quer durch das Gelände, in der Verlängerung der Maria-Theresienavenue legt Herr Giorgetti eine breite Straße, in die wieder andere von rechts und links münden werden. Und diese Straße entlang werden Häuser in die Höhe wachsen und das grüne Land draußen von uns abschließen. Da ist nichts zu wollen. In einer Aussicht können keine Familien wohnen, wir müssen Häuser bauen, und während um grüne Tische Kommissionen gewichtig und lang beraten, geht Herr Giorgetti hin und baut über Nacht Häuser.

Nur um eines möchte ich ihn bitten, solange es nicht zu spät ist: Er soll, wie, ich eingangs vorgeschlagen habe, von der Aussicht, die er sicher ebenso liebgewonnen hat, wie ich, eine Aufnahme machen lassen. Denn auch er wird sich freuen, nach langen Jahren, wenn die Merler Wiesen längst zu einem Stadtviertel geworden sein werden, einen Blick auf dies Bild zu tun, das ihm die Aussicht zeigt, wie sie einstmals war, als man von der Stadt hinaus noch gradenwegs in den Himmel zu wandern meinte.

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    Katalognummer BW-AK-008-1571