Irgend etwas muß in unserer innerlichen Stoffmischung, in unserer seelischen Glockenspeise fehlen, was die andern Völker haben: Das Ingrediens, aus dem die andern ihre Witzblätter machen. Daß ein Volk in Zeiten, wie wir sie seit fünf, sechs Jahren durchmachen, kein Witzblatt hat, ist kaum zu glauben. In den Jahrzehnten vor dem Krieg ersetzten bei uns die „Revüen“ wenigstens teilweife die Witzblätter. Aber seither verpufft alles, was unsere Volksseele an Geist, Witz, Humor, Satire, Ironie, Stichelei usw. hervorbringt, spurlos in den Raum.
Sind wir zu wenig geistreich, humoristisch, satirisch, ironisch - vielleicht auch zu wenig boshaft veranlagt, um ein Witzblatt fertig zu bringen? Oder hat die Allgemeinheit so wenig Sinn für geistige Würze, daß ein Witzblat hier nicht lebensfähig wäre? Der Rohstoff wäre da, er liegt haushoch auf der Straße, jede Woche ließen sich damit wenigstens vier Seiten groß Folio füllen.
Vielleicht liegt es daran, daß niemand im Lande ist, der unabhängig genug da stünde, um gleich unnachsichtig nach rechts und nach links, nach oben und nach unten dreinzufahren. Besonders gilt das vielleicht von den Zeichnern, ohne die ein Witzblatt natürlich nicht leben kann. Der einzige, vielleicht, der den nötigen, bissigen Humor hätte und nach niemand zu fragen braucht, wäre Franz Seimetz.
Die größten Feinde eines luxemburger Witzblattes aber sind, meiner Ansicht nach, die Korrespondenten. Korrespondenten müssen sein, ohne sie geht das Blatt an Inzucht und Beschränktheit zugrunde. Aber grade die Korrespondenten, die sich für die witzigsten halten, sind in der Regel die dümmsten. Bringt man ihre Beiträge, so drückt man das Blatt auf ein Niveau herunter, auf dem es keine Daseinsberechtigung mehr hat. Bringt man sie nicht, so erzieht man sich in diesen Abgewiesenen die unerbittlichsten Feinde.
Ein freundlicher Leser hat mir vor einiger Zeit einen Band „Wäschfra“ zur Durchsicht geliehen. Das war in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts unser Nationalwitzblatt, das alle politischen Ereignisse, alle Vorgänge, die die öffentliche Meinung interessierten, mit guten und schlechten Witzen, wie’s kam, begleitete. Die guten waren meist von den beiden Redakteuren, Karl Becker und Karl Küntgen, die schlechten eben von den Korrespondenten, auf die die Redaktion Rücksicht nehmen mußte. Die „Wäschfra“ wurde im Sommer 1869 ein paar Monate lang durch einen „Till Eulonspiegel“ abgelöst und erschien dann weiter. Karl Künigen starb als Journalist in Wien. Becker gab später, in den achtziger Jahren, allein die „Uoreg Zongen“ heraus. Noch später erschien bei Charles Praum, als Nachfolger der Becker’schen Witzblätter „De Letzeburger“, der in meist harmloser Weise seinen gutmütigen Spott über seine Zeitgenossen ausgoß.
Und nun sind wir ganz ohne Witzblatt, es sei denn, daß man die mit dem „Luxemburger Wort“ erscheinende „Luxemburger Frau“ als unfreiwilliges Witzblatt gelten lassen will. Ich habe die Redaktion im Verdacht, ihre Leserinnen arg zu bluffen. Lesen Sie z. B. in der Nr. 32 den Artikel über die anonymen Briefe: Wenn die Verfasserin dieser Predigt es nicht faustendick hinter den Ohren hatte, fresse ich meinen Hut.
Indes, bis die „Luxemburger Frau“ allgemein als Witzblatt erkannt und anerkant wird, dauert es wohl noch eine Weile. Wer schenkt uns bis dahin den luxemburger „Simplizissimus“, die luxemburger «Assiette au beurre»?
Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp? Es wäre eine Villa im Müllertal damit zu verdienen.