Original

11. Januar 1920

Also die Pässe!

Ich habe schon einmal hier dagegen aufgemuckt und gesagt, für die ehrlichen Leute hätten sie keinen Sinn und für die andern hätten sie keinen Zweck.

Jetzt bekomme ich von anderer Seite Sukkurs. Ein Zeitungsverleger ist auf dem französischen Paßbüro behandelt worden wie jedermann und sein Blatt macht jetzt gegen das Paßwesen überhaupt mobil. Ich muß sagen, die Franzosen und Belgier waren in der Ausstellung von Pässen, soviel man hören konnte, immer kulant, wenn Klagen kamen, so richteten sie sich zumeist gegen die Engländer. Aus persönlicher Erfahrung weiß ich es nicht, denn ich habe die Engländer noch um keinen Paß gebeten, aber ich habe wiederholt gehört, wie sich Landsleute von mir über das englische Paßburo blau geärgert haben.

Wenn unsere Befreier nicht besser wissen, als wir, warum sie immer noch den Paßzwang über uns walten lassen, so tun sie es eben, ohne es zu wissen. Aber wahrscheinlich wissen sie es oder glauben es zu wissen. Könnten Sie uns, ihren Freunden, denn nicht sagen, was für Bösewichter sie denn eigentlich durch das Paßsieb seien wollen? Wir wären ihn gern behilflich. Aber so über alle Welt das Netz auswerfen und die Harmlosen fangen, während gerade die, auf die es abgesehen ist, sich am Netz vorbei oder durch die Maschen hindurchschlängeln, das ist eine Uebung, deren Zweckmäßigkeit einem gewöhnlichen Untertanenverstand nicht einleuchten will.

Warten wir einstweilen noch ab bis nach der feierlichen Ratifikation der Friedensurkunde. Vielleicht wird es dann besser. Oder sollen wir auch dann noch nicht in den Vollbesitz unserer staatlichen Hoheitsrechte wieder eintreten? Soll auch dann noch eine fremde Staatsbehörde jeden Luxemburger, der über die Grenze gehen will, auf unserm Boden abstompeln?

Das führt ganz von selbst zur Frage der fremden Militärbesetzung. Soll auch diese noch nach dem endgiltigen Friedensschluß hier aufrecht erhalten werden? Die Besetzung deutschen Gebietes rechtfertigt sich dadurch, daß die Sieger Garantieen für die Erfüllung der Friedensbedingungen gegen die Besiegten in der Hand haben wollen. So war nach 1870 ein Teil des französischen Gebietes bis zur vollen Abzahlung der Kriegsentschädigung besetzt.

Wie will man aber eventuell die Beibehaltung einer französischen oder sonstigen fremden Militärbesetzung in Luxemburg rechtfertigen? Durch strategische Rücksichten? Gut, so soll man das sagen. Dann ist folgende Sachlage geschaffen:

Mitten in dem offiziell hergestellten Zustand des Friedens wird das Gebiet eines selbständigen Staates durch die Militärmacht eines anderen Staates als eigenes Gebiet behandelt. Das ist nichts mehr und nichts weniger als eine militärische Annexion. Kann ein solcher völkerrechtlicher Zustand einfach durch die nackte Tatsache geschaffen werden?

Manche sehen, wie sie sagen, das Verbleiben der französischen Soldaten im Land gerne, als Vorbeugung gegen die bolschewistische Gefahr.

Das wäre noch viel schlimmer. Das wäre unserseits das Zugeständnis, daß wir nicht mehr aus eigener Kraft für Ruhe und Ordnung im Lande sorgen könnten. Das wäre also eine endgiltige Aufgabe unserer Selbständigkeit. Ist es so weit? Vielleicht hat die Regierung Reuter darüber schon eine Meinung und teilt sie nächstens dem Lande mit.

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    Katalognummer BW-AK-008-1573