Original

13. Januar 1920

Huiüih huh bum knack knack! Über die Wälder von Dippach und Leudelingen herüber kommen die breiten Sturmschwaden, stoßen auf den Hügeln auf, werfen Windwogen empor, die in Tromben umeinander wirbeln, reißen an den geschlossenen Fensterläden, daß es knackt, gebärden sich wie freigelassene Zuchthäusler.

Sturm? Die Leute von der Insel würden Ihnen ins Gesicht lachen. Sie nennen das une bonne brise. Sturm? Solchen Wind haben sie dort das ganze Jahr. Er weht steif und stramm über das Felsplateau, auf dessen verwittertem, sandüberwehtem Rücken der stachlichte Ginster und der zwergig verwachsene Weißdorn vegetieren. Eine Fahne steht glatt entfaltet, seitwärts gebügelt, als sei sie von Blech, und denkt nicht einen Bruchteil von Sekunde daran, ihre Falten einmal erdwärts zu senken. Der Wind kommt nicht in Stößen, er steht im Raum ohne Nachlaß und ohne Unterbrechung, er pfeift durch die Schießscharten an dem alten Fort einen langen, tageund nächtelangen Ton, der nur ab und zu ein wenig auf- und abschwillt, aber keine Pausen macht. Wenn die Frauen aus dem Dorf, die den getrockneten Kuhmist als Heizmaterial in ihre Körbe sammeln, gegen den Wind auf Dich zukommen, haben sie eng anliegende Hosen an und sie müssen sich anstrengen, die dicken Klumpen ihrer Holzschuhe gegen den Druck vorwärts zu bringen. Du gibst diesem Wind Gesicht und Stirn und Scheitel, läßt ihn Dir an den Augenwimpern zerren, zu den Ärmeln hinein Dir über den ganzen Körper rieseln, er ist ein Gutgesell, den Du nicht entbehren möchtest. Denn er treibt Dich über die blaue Wasserprärie gemächlich an die Gestade, die wie ein heller Strich am Horizont zwischen Wasser und Himmel liegen, zu den weißen Häusern, die im Rund des Fernglases als winzige Würfel stehen, und von denen herunter schöne Frauen in weichen Überwürfen ins Meer gehen, um sich zu enthüllen und sich der Umarmung der majestätischen Strandwellen hinzugeben.

Sturm? Der pfeift aus andern Tonarten. Der packt Dich an den Schultern und will Dich den Wall hinunterwerfen, wie ein grober Hausknecht. Der faßt Dir beim Gehen das rechte Bein und schmeißt es Dir über das linke, sehr gegen Deinen Willen. Der greift mit Armen und Händen so groß, wie eine Stadt, in das Wasser und will es über die Insel herüber werfen, aber er ist zu schwach, trotz seiner Riesenstärke, und die Wasserberge, die er heranwälzt, werden zu weißem Gischt und steigen wie Wolken einer Explosion am Ufer hoch und sinken zurück.

Da fährt keiner hinaus, meinst Du? So weit Du blickst, ist die blaue Fläche grau geworden und kein Sardinenfischerboot steht draußen mit seinem braunen oder grünen oder grauweißen Segel. Da fährt keiner hinaus? O ja, da tanzt ein Boot auf den Wellen, wie ein bockender Gaul. Die Spitze seines Mastes geht weit vorwärts und zurück, wie die Spitze eines auf- wärts gekehrten Pendels. Zwei Matrosen waren auf der Insel, deren Urlaub läuft heute ab, sie müssen hinüber ans Land, Le Gurun, der mit dem schwarzen Kraushaar, und seine Crew segeln sie hin. Du siehst sie durchs Glas im Boot liegen, alle Steuerbord, weil das Boot dicht vorm Wind nach Backbord überholt. Und sie rauchen ihre Pfeifen und einer von den Matrosen spielt Ziehharmonika. Während wir um ihr Leben bangen und hineingehen, damit wir nicht zusehen müssen, wie das Meer sie verschlingt.

Huiüih huuuh bum knack knack! Sturm? Wir wissen es besser. Une bonne brise.

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    Katalognummer BW-AK-008-1574