Dies schreibe ich an dem bewußten Sonntag, an dem das Wetter so unerhört s.. mäßig war, daß man keinen Hund vor die Türe gejagt hätte.
Früher kennte man sich an solchen Sonntagen fronen.
Man stürzte morgens an den Briefkasten und kam mit einem reichen Fischzug zurück.
Auf den Sonntag schrieben einem immer gute Freunde und Freundinnen, in der Voraussicht, daß man den Sonntag dazu benützen würde, sich hinzusetzen, die Briefe seiner Freunde und Freundinnen mit Genuß zu lesen und sie ausgedehnt zu beantworten.
Das hätte ich heute unbedingt getan. Ich war schon am Gartentor und wollte schon den Briefkasten öffnen, ... da fiel mir rechtzeitig ein, daß wir Sonntags keine Post mehr bekommen. Keine Briefe, keine Zeitungen, nicht einmal mehr eine Einladung zu einem Konzert des Vereins Hemechtste’n, oder ein Preisverzeichnis des Printemps - womit sich die Damen des Hauses über einen ganzen Sonntag voll Regen und Sturm hinweghelfen konnten - oder gar ein Traktätchen des Mäßigkeitsvereins, oder ein neues Theaterstück von einem jungen Luxemburger, mit einem Fremdenlegionär, einem Poilü oder einem Sammy. Nicht einmal diese Notbehelfe, die sonst doch immer im Briefkasten liegen, finden wir am Sonntag Morgen vor. Nichts, nur Raum. Oede, Leere. Luxemburg hat circa 250 000 Einwohner, Frankreich 43, Belgien 7, Deutschland 70 Millionen usw. Von keinem von all diesen Millionen Menschen kannst du am Sonntag Morgen mehr einen Brief in deinem Briefkasten finden. Alle diese erwarteten und unerwarteten, leicht beschwingten Boten aus aller Welt stoßen sich die Köpfe ein an der Mauer, die die Post unseres Ländchens auf den Wunsch von circa einem oder zwei Dutzend Postbeamten um jeden einzelnen Luxemburger von Samstag Abend bis Montag Morgen aufgerichtet hat. Die Post maßt sich ganz einfach das Recht an, die Briefe, die eigentlich dir gehören, in ihren Fächern zurückzubehalten, bis es ihr gefällt, sie austragen zu lassen.
Ich ärgere mich heute gar nicht, weil ich etwa einen Brief erwartet hätte, der nun nicht kommt. Ich erwarte nie oder höchst selten Briefe. Aber die, die man nicht erwartet, machen einem in der Regel am meisten Spaß. Diese köstliche Erfüllung einer Erwartung ins Blaue, die sonst in der Leere des Sonntags war, wie eine Rosine im Kuchen, die gibt es jetzt nicht mehr. Die Herren von der Post wollen uns die absolute Sonntagsruhe bescheren. Ich bin nicht rachsüchtig, aber ich gönne es ihnen, daß wir einmal den völlig „ruhigen“ Sonntag bekommen. Ich sehe schon, wie einer von ihnen morgens an die Bahn geht, um mit Frau und Kindern eben nach Remich oder Clerf oder Redingen zur Kirmes zu fahren und wie sie ihm am Schalter sagen: Was, bilden Sie sich ein, Sie haben allein Sonntagsruhe! Wir fahren heute nicht! Der Kellner, der sich einen vergnügten Sonntag machen will, findet alle Lokale geschlossen, weil seine Kollegen ebenfalls feiern wollen, Bäcker, Metzger, Konditoren, Trambahnen, Musikanten, Droschkenkutscher, Schauspieler, Milchfrauen. alles feiert.
Und es bleibt dir weiter nichts übrig, als in dich hineinzukriechen und dich gegen die Selbstmordgedanken zur Wehr zu setzen, die an solch ruhigem Sonntag emporwuchern, wie die Giftpilze in gewitterschwülen Nächten. Ich kenne die englische Selbstmordstatistik nicht, aber ich wette blindlings, von 100 Selbstmorden in der Woche kommen wenigstens 33 auf den Sonntag. .......
Aus alter Gewohnheit war ich eben wieder aufgestanden und in Gedanken bis hinaus an den Briefkasten gegangen. Es ist wirklich zu fad. Ich gründe einen Verein freiwilliger Briefträger. Die Mitglieder verpflichten sich, jeden Sonntag eine Anzahl Briefe zu schreiben und sie selbst im Laufe des Sonntags an ihre Adresse zu tragen. Sobald wir zahlreich genug sind, tun wir uns als Konkurrenz der staatlichen Post auf. Unsere Kosten decken wir durch den Verkauf unserer Briefmarken an die Sammler. Wir werden Sie schon klein kriegen. Herr Postminister.