Original

16. Januar 1920

Uns hatte man in unserer Jugend mit der Weisheit aufgepäpelt, daß die lauterste Quelle des Glückes die Arbeit sei.

Wir hatten daran geglaubt. Wir waren überzeugt, daß der ganze Schöpfungsplan auf dieser Wahrheit aufgebaut sei.

Ich werde es in Ewigkeit nicht vergessen, daß wir im Abiturientenexamen einen deutschen Aufsatz über das Thema „Wert und Nutzen der Arbeit“ zu schreiben hatten. Wir priesen alle in hohen Tönen das Glück, das die Arbeit an und für sich schon ausstrahlt und dann die Wonne, mit der sie den Menschen erfüllt, wenn sie getan ist. Wir merkten nicht, daß darin eigentlich ein Widerspruch lag. Denn wenn man Wonne darüber empfindet, daß man sich etwas vom Halse geschafft hat, pflegt man nicht glücklich darüber zu sein, daß man es noch auf dem Halse hat.

Aber das muß wahr bleiben, die Menschheit war lange Geschlechterreihen hindurch der Ueberzeugung, nur durch die Arbeit könne einer wahrhaft glücklich werden.

Heute scheint etwas in jenem wundervollen Schöpfungsplane aus dem Leim gegangen zu sein, da zwischen Arbeit und Glück ein unüberbrückbarer Abgrund klafft. Die zwei Begriffe, die heute ineinander überfließen, sind, wenn man den Rufern im Streit glauben soll, nicht mehr Arbeit und Glück, sondern Arbeit und Elend. Eben las ich das Buch, das Arthur Holitscher über „Amerika heute und morgen“ geschrieben hat und in dem er von den Arbeitsverhaltnissen in Chicago ein geradezu trostloses Bild entwirft. Ich glaube nun zwar, Herr Holitscher hatte gerade während seines Chicagoer Aufenthaltes einen verdorbenen Magen und sah darum vielleicht schwärzer, als er unbedingt gemußt hätte, aber dies ist heute eine Wahrheit, die unbestritten in Tag steht: die arbeitende Menschheit sucht ihr Glück nicht mehr in der Arbeit, sondern in der Nichtarbeit.

Höchstens könnte man jene Beziehung zwischen Glück und Arbeit heute noch in der Form gelten lassen: Glück ist die Arbeit, die man gerne tut. Das wäre also ein Ideal, das beispielsweise in der Betätigung eines Künstlers verwirklicht wäre. Aber auch die Künstler müssen heute mit ihrer Kunst nach Brot gehen und vieles tun, was sie als Prostitution ihrer Muse verfluchen.

Ich möchte wissen, was eigentlich die ersten Menschen im Paradies pecciert hatten, damit sie der liebe Herrgott so schnöde hinausgetan hat. Es ist jedenfalls merkwürdig, daß von dem Tage an, wo die Arbeit dem Menschen von der Gottheit als Fluch aufgebürdet wurde, auch das Verhältnis vom Mann zur Frau in die Brüche ging. Die Frau wurde in die Gewalt des Mannes gegeben, und dem Mann wurde beschieden, daß die Erde ihm Dornen und Disteln tragen und er im Schweiße seines Angesichtes sein Brot essen sollte. Vorher, im Paradies, war es so gewesen, daß sich die beiden gleichermaßen an einander gefreut hatten und es keinem von ihnen eingefallen war, darüber nachzudenken. wer der Herr sei. Und gearbeitet werden sie wohl auch haben, aber sie waren sich dabei keines Zwanges bewußt. Was ist denn nur dieser verflixten Eva eingefallen, sich mit der Schlange einzulassen! Nun arbeitet die Menschheit seit jener unglücklichen Apfelgeschichte daran, sich wieder in eine anständige Verfassung zu bringen, und wenn sie gemeint hat, jetzt sei es so weit, jetzt kenne sie das Geheimnis des Glücks, dann kommt irgend ein Trotzki und macht ihr die Rechnung falsch.

Und dennoch, allen Trotzkis zum Trotz glaube ich den Glauben meiner Jugend: daß das Glück die Arbeit ist. Arbeit ist Wachstum, Wort ist Wind!

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    Katalognummer BW-AK-008-1577