C’est égall sa’ vous, es macht einem doch etwas aus. Man treibt mit dem Menschenstrom im Lichttal der abendlichen Brüsseler Boulevards - ein Tal so voll von Lichtern, wie das Trintinger Tal im Mai voll Kirschenblüten, die Kohlennot ist ein Mythus - da öffnet sich das Seitentälchen einer Passage und im Hintergrund leuchtet sanft der Name unserer Heimat.
Farbige Fenster haben immer für uns die Feierlichkeit von Tempelräumen, aber aus der Stille der Kirchen haben die Baukünstler längst die Feierstimmung der gemalten Fenster herausgeleitet an die Stätten, wo die Menschen froh sind.
Doch wie gesagt, es macht einem etwas aus, daß im Trubel der Großstadt plötzlich der Name «Luxembourg» mit sanfter Lockung da steht. Eine große Drehtüre schwingt herum und läßt Gäste hinein und heraus, eine Vision schimmert auf, eilende, weißbeschürzte Kellner, thronende Büffetdamen, tafelnde Gäste.
„Was!“ staunen die andern, „das weißt Du nicht! Das ist doch das neue Lokal von „Fonken Hary“!
Die ganze Gesellschaft läßt sich hineindrehen. Und von den Wänden grüßen Luxemburg, Echternach, Vianden, Ansemburg, Bouillon, Héron, eine Landschaft an der andern in Seplatönen, über dem Acajougetäfel und dem perversen Blau der Samtsitze. Haben Sie nie in der Fremde diesen Eindruck gehabt? Man denkt im ersten Augenblick gar nicht daran, daß alle die unbekannten Menschen, die den langen Raum füllen, von denen nicht ein einziger unsere Sprache spricht - daß sie wegen des guten Bieres und der deftigen Küche gekommen sind, man bildet sich ein, sie seien gekommen, weil das Lokal Luxemburg heißt, weil ihnen die Bilder unserer Heimat gefallen, und man ist stolz darauf und möchte sich zu jedem hinsetzen und sagen: Guten Abend, wie schmeckt Ihnen unser Bier? Und wie gefällt Ihnen mein Land? Ich bin in der Stadt zuhaus, die Sie dort an der Wand sehen!“
Später denkt man darüber allerdings nüchterner und wird sich bewußt, daß mit Gefühl und Landschaft ein solches Lokal keine drei Tage zu halten wäre. Die Gäste, die hier an den Tischen sitzen, wollen etwas Greifbares haben für ihr Geld. Und das tragen die Kellner in großen Gläsern herum, deren weizengelben, schaumgedeckten Inhalt das Licht golden durchschimmert. Die Beleuchtungskörper an den Wänden gleichen den Laternen an alten königlichen Galakutschen, drei Bronzeläufer stehen auf einem Acajouschrank und streben mit Macht und ausgestreckten Armen vorwärts. Und die Teller klappern leise, die Bestecke klirren, die Gespräche summen, und die kleine Freundin eines Freundes kuschelt sich in die Ecke der pervers blauen Samtbank und sagt, hier sei es so mollig, aber draußen habe sie gefroren. «Je suis si mince habilléï, sa’ vous!»
Wir trinken natürlich eins auf die Gesundheit des Landsmannes, der dies alles auf die Beine gebracht hat. Und die kleine Freundin des Freundes zieht am Schluß des Abends das Fazit: «On a tout même bien s’amuséï!»