Original

18. Januar 1920

Eines Tages war ich in einer fremden Stadt bei liebenswürdigen Landsleuten zu Gast. Wir sprachen von zuhaus, natürlich. Der Hausherr, der längst draußen Wurzel gefaßt hat, kramte luxemburger Jugenderinnerungen aus, redete von diesem und jenem, der mit ihm die Schulbank gedrückt hatte. Er kam auch auf seinen Zeichnenlehrer zu sprechen. „Sie haben ihn sicher gekannt,“ - sagte er - „er hieß Engels.“

„Nein nein,“ protestierte ich, „der gute Misch ist noch nicht so weit vergessen, daß ein Luxemburger in den Mannesjahren einen andern fragen darf, ob er ihn gekannt hat.“

Das Gespräch ging weiter über den merkwürdigen Menschen und Künstler, bei dem die Begeisterung so stark und ungestüm hinausstrebte, daß die Hand nicht folgen konnte.

Ich hatte lange nichts von ihm unter den Augen gehabt, und dieser Tage holte ich, in der Erinnerung an jenes Gespräch, Neugierde halber aus meinem Bücherschrank das Album, in dem Michel Engels die Schlußprozession der Luxemburger. MuttergottesOktave im Bilde verewigt hat.

Ich erinnerte mich, daß der Künstler beim Erscheinen des Werkes keine gute Presse gehabt hatte. Man legte an das Werk Maßstäbe, mit denen es nicht gemessen werden durfte. Die technischen Unzulänglichkeiten, die es enthält, sind nicht zu leugnen, und es ist kein kritischer Scharfsinn dazu erfordert, sie festzunageln.

Aber schon heute, nach zirka zwanzig Jahren, beginnen die Vorzüge dieser Bilder sich langsam herauszuheben. Ich erinnere mich, mit welcher Künstlerinbrunst Engels über seiner Arbeit davon sprach. Es sollte „ein Denkmal werden für eines der am tiefsten im Volk wurzelnden Nationalfeste“. Er glühte vor Begeisterung über die Aufgabe, die er sich gestellt hatte. Und das Werk wurde unter seinen Händen, was es werden mußte. Engels hatte, durch die Not der Verhältnisse getrieben, seine starke zeichnerische Begabung allzu früh nach Brot schicken müssen. Er war in den Uranfängen seiner technischen Ausbildung stecken geblieben, der Flug seiner Ideen ging immer weiter und höher, als seine Fähigkeit zu deren Verkörperung. Darum darf man in seinem Album kein graphisches Kunstwerk sehen wollen, sondern eine einfache Chronik. Darin erzählt der „Engelße Misch“, der Gärtnerssohn aus Rollingergrund, der voll von klassizistischen Idealen steckte, den Tag der Muttergottesprozession, die glanzvollste Begehenheit des Jahres für alle jungen Augenmenschen der Stadt Luxemburg und Umgebung. Er erzählt sie naiv und gesprächig, gewissenhaft und gründlich, wie eine Chronik von Jehan Froissart. Er hat zweifellos fleißige Skizzenstudien dazu gemacht, man sieht überall die Velleität, einzelne Persönlichkeiten porträtähnlich zu geben, und viele sind zu erkennen, die heute längst vom Schnitter Tod in seine Tenne gefahren sind, auch der Künstler selbst. Nicht nur die Gesichter der Menschen erzählen von der Zeit von dazumal, auch die Gesichter der Häuser, mit ihren Inschriften, von denen viele schon wie, Grabinschriften anmuten, weil die Firma längst tot ist. Das alles wirkt wie ein Märchen aus alten Zeiten. Und es ist doch noch gar nicht so lange her! Sind es zwanzig Jahre? Aber die Kriegsjahre zählen doppelt, nicht nur für den Krieger von Beruf, der darnach seine Pension bemißt, auch für den, der seine Erinnerungen in die Zeit vor dem Krieg zurückschicken will.

TAGS
    Katalognummer BW-AK-008-1579