Ich blättere zuweilen in einem Band „Luxemburger Zeitung“ und da passiert es mir ab und zu, daß ich einen alten Abreißkalender wieder lese.
Eben las ich einen, der mir so gut gefiel, daß ich ihn wieder abdrucken lasse, denn er paßt ganz merkwürdig genau auf die heutigen Zustände. Außerdem habe ich einen speziellen Grund.
Ich erzählte darin, die „Trierische Landeszeitung“ sei mir im Traum erschienen.
„Sie kam auf mich zu mit drohend erhobenem Zeigefinger, gerunzelter Stirn und strengen Blicken.
„Das ist ja ein wahrer Skandal mit Euch Luxemburgern!“ keifte sie. „Das erinnert mich an die Zeit, wo Ihr die preußische Puppe aus Stroh mit der Pickelhaube verbranntet: Ihr gebt keine Ruhe, bis wir Euch ein Regiment Ulanen ....“
„Seien Sie fidel, Tantchen,“ sagte ich und stippte sie scherzend mit dem Finger in die Magengrube.
„Fidel hin fidel her, es ist ein Skandal! Straßen lang flaggt Ihr für unsere Erbfeinde und singt ihre Lieder und feiert sie Tag und Nacht, wo wir doch vier Jahre lang Kultur in Euer gottverlassenes Land getragen haben ....“
„Und Butter und Eier hinaus. Aber Spaß beiseite, Tantchen, Sie werden Sich wundern, wenn ich Ihnen sage, daß wir uns im Grunde über gar nichts anders freuen, als Sie auch!“
„Da hört doch ....“
„Rein, da fängt die Weltgeschichte erst an. Ich habe damals beim Rückzug der Ihrigen ein paar Leuten, die den Kopf hängen ließen, gesagt, sie sollten sich im Gegenteil freuen, denn sie hätten den Krieg gewonnen. (Hört, hört!) Gewonnen gegen den durch Jahrhunderte erstarkten Pruzzengeist, der Deutschland in der Welt verhaßt gemacht hat. Sie fanden, daß ich recht hatte und waren getröstet.“
„Wenn Sie es so auffassen.“
„Als ob Sie es anders anffaßten. Was bedeutet denn Ihr „Los von Berlin!“ anders, als der Schrei des Herzens aller germanisch Deutschen, sich von einem Antrieb loszukuppeln, der ihnen wider den Strich geht? Warum wollen Sie und die Ihrigen aus Rhein- land-Westfalen los von Preußen und eine Republik gründen, die ganz sicher französischem Geiste näher stünde, als preußischem? Also wagen Sie es doch zu behaupten, daß Sie Sich im Grunde Ihrer gut deutschen Seele nicht über dieselbe Wendung freuen, der zulieb wir jetzt die „Marseillaise“ singen und all unsere Fahnen heraushängen!“
„Hm, ja, aber dieser Pruzzengeist hatte uns groß gemacht.“
„Er hatte all die Jahre hindurch den Keim zu Ihrem Niedergang gelegt. Machtgier allein, Kanonen allein tun’s nicht.“
„Das haben wir diesmal leider erfahren. Aber wir sind ja glücklicherweise endlich den Militarismus los.“
„Tantchen, Tantchen, das ist eine böse Selbsttäuschung. So schnell geht das Gift nicht aus dem Blut. Ihr seid derart mit Militarismus durchsickert, daß Ihr jetzt, wo der Druck von oben gesprengt ist, denselben Militarismus anders herum betreibt. Kennen Sie die Spinne, die wir Leineweber nennen? Reißt man ihr die Beine aus, so strampeln die Beine für sich noch eine ganze Weile munter fort. Die Alliierten haben Euerm Militarismus die Beine ausgerissen, und jetzt machen die ausgerissenen Beine jedes für sich weiter Parademarsch.“
„Wieso? Wir sind doch ....“
„Ich habe noch nicht gehört, daß Ihr irgendwie daran dächtet, die alten Nester des unseligen Pruzzentums auszuräuchern. Die Oldenburg-Januschau und wie sie all heißen sitzen unbehelligt auf ihren Rittergütern und herrschen als Könige über die Seelen alles Volkes in der Runde und spinnen schon an dem neuen Stahlnetz, in dem sie Euch alle wieder einfangen werden, wenn Ihr es nicht beizeiten zerreißt.“
„So weit hatte ich nicht gedacht, das muß ich sagen.“
„Sehen Sie, Tantchen, darum haben wir gejubelt und geflaggt, weil von uns ein Druck genommen war, der auch von Deutschland genommen ist, wenn es nur will. Aber es darf nicht so gemacht werden, daß die, die es vom Militarismus und allen seinen unglücklichen Folge- und Begleiterscheinungen und damit vom Haß der Welt befreien wollen, daß die von unten herauf alles nach militaristischem Lineal richten wollen, wie es die andern von oben getan haben. Adieu Tantchen.“
Sie verschwand nachdenklich im Hintergrund.“