Original

24. Januar 1920

Herr Generaldirektor Nikolaus Welter hat zu der alten Weise des „Wilhelmus“ einen luxemburger Text gedichtet. Man muß es seiner Ministerwürde zugut halten, daß er das junge großherzogliche Paar sozusagen in den Mittelpunkt seiner Begeisterung rückt und von ihm sagt, daß die beiden heute in jungem Glück Hand in Hand die Hoffnung des Luxemburger Landes tragen. Als Minister konnte er nicht gut anders. Andre sehen die Hoffnung unseres Landes lieber nicht in den Händen der mühsam geretteten Dynastie, sondern in der Tüchtigkeit des Volkes.

Aber es gehört ein unverbesserlicher Optimismus dazu, ein Lied, das mit den Allüren eines offiziellen Nationalliedes auftritt und wahrscheinlich unter amtlichem Druck in die Volksseele hineingesungen werden soll, mit der Feststellung zu beginnen, die in der ersten Strophe niedergelegt ist. Da heißt es: „Nun ist vorbei der Sturm, die Not ist aus, Die Menschheit tritt erlöst aus Licht heraus; Nun ist vorbei der Sturm, die Not ist aus: Luxemburg bleibt Herr im eignen Haus. Der Himmel hat nach langer Nacht den neuen Frühling gebracht und schmückt jede Türe mit grünem Friedensstrauß. Jetzt steht wie nie so froh Hand in Hand, Groß und Klein im Luxemburger Land.“

Hat Herr Nikolaus Welter seit einem Jahr geschlafen? Woher ward ihm die seltsame Kunde, der Sturm sei vorbei, die Menschheit trete erlöst ans Licht heraus, die Not sei aus, jede Türe sei mit grünem Friedensstrauß geschmückt und in unserm Land stehen Groß und Klein so einig wie nie Hand in Hand?

Weiß er nicht, und wissen seine Kollegen in der Regierung nicht, daß dieser sogenannte Friede in seinem Schoß die schlimmsten Kriegskeime für eine Zukunft birgt, die gar nicht so fern zu sein braucht? Daß niemals in der Welt so viel Haß von Volk zu Volk, von Klasse zu Klasse, von Mensch zu Mensch war, wie eben jetzt? Glaubt er wirklich, daß die Not vorbei ist, die Leibes- und Seelennot? Ist er wirklich überzeugt, daß der Sturm, der von Osten her braust, sich schon gelegt hat? Und daß alle Luxemburger wie eine biedermeierliche Liedertafel zusammenstehen und singen: Seid umschlungen, Millionen, diesen Kuß der ganzen Welt? In der Volksvertretung, die doch wohl den Durchschnitt durch das Volksganze abgibt, sieht es jedenfalls nicht darnach aus. Der Klassenkampf wird so wütend geschürt, wie nie. Für die nächsten Monate wird eine Teuerung prophezeit, die nach allem andern eher, als nach dem Ende der Not aussteht.

Und das Wort von „Luxemburg Herr im eignen Hause“? Hat denn die Regierung, der der Dichter des neuen „Wilhelmus“ angehört, nicht alles getan, um uns einem wirtschaftlichen Anschluß entgegenzutreiben, der für unser Ländchen eine brennende Gefahr der Absorbierung durch einen mächtigen Nachbarn bedeuten muß? Sieht es in unsern Straßen wirklich so aus, als ob wir Herr im eignen Haus seien?

Ich glaube, trotz dem Ordensregen, der gestern über die schmachtenden Fluren des luxemburger Bürgerehrgeizes niederging, die Zeit ist nicht dazu angetan, daß wir durch amtliche Gelegenheitsgedichte Vogel Strauß-Politik treiben und die Massen in einen lauwarmen Optimismus gefährlichster Art hineindudeln sollten.

Die dichterischen Qualitäten des Welter’schen „Wilhelmus“ in Ehren, aber dies ist ein Lied, das sehr zur Unzeit kommt. Und sollte es gar wirklich die Stimmung wiedergeben, wie sie augenblicklich in Regierungs- und Hofkreisen herrscht, so müßte man daraus den fatalen Schluß ziehen, daß dort oben große, weltfremde Kinder das Regiment führen, und man bräuchte sich über Manches nicht mehr zu wundern.

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    Katalognummer BW-AK-008-1584