Original

25. Januar 1920

Verleumdet werden ist hart, zumal wenn es Jahrtausende lang dauert.

Sie meine Damen, sind in diesem Falle. Seit es ein Altes Testament gibt, glaubt die Menschheit, sie verdanke Ihnen ihr Mißgeschick, weil Ihre Stammutter Eva den Adam mit einem Apfel ins Unglück gestürzt habe. Und so wie eine von Ihnen den Mund ein wenig voll nimmt, ist gleich die ganze Nachkommenschaft Adams da und ruft: „Sie, halten Sie mal die Luft an! Ohne Ihre Mutter Eva säßen wir noch ungestört im Paradies und bräuchten keine Kohlen und keine Kanonen und keine Gendarmen und vielleicht sogar keine Regierung! Ihr verdammtes Weiberpack seid an allem schuld!“

Nun, meine Damen, heute stehen Sie glänzend gerechtfertigt da. Und ich kann es nicht erwarten, bis ich Ihre Ehrenrettung vollziehen helfe.

Es handelt sich um nichts mehr und nichts weniger, als eine Umkrempelung der ganzen Geschichte von der Erschaffung des Menschen, vom ersten Sündenfall und von der Sintflut.

Eine freundliche Leserin, die den New York Herald liest, schickt mir daraus einen Ausschnitt mit folgender sensationellen Mitteilung: Stephen Langdon. Professor der Assyriologie in Oxford, der als einer der hervorragendsten Forscher auf dem Gebiete der sumerischen Keilschriften gilt, hat neue Keilschriftentafeln entziffert. Diese Inschriften berichten über die Erschaffung des ersten Menschen aus Lehm durch eine weibliche Gottheit. Diese Göttin schützt das also geschaffene Geschlecht vor der Sintflut, indem sie Zingiddul (Roah) rettet, der später im Paradiese landet und aus eigenem Antriebe die verbotene Frucht ißt. Eva ist dabei nirgends beteiligt. Das mag, schließt die Mitteilung, den Frauen von heute zur Genugtuung gereichen, nachdem sie so lange das Odium der Verfehlung ihrer Stammutter getragen haben.

Sie können in jedem Lexikon nachlesen, daß die Sumerier oder Akkadier die ältesten Bewohner des Cuphrat-Tigris-Landes waren, wohin die Legende das Paradies situiert und von wo die zahlreichen Keilschriftentontafeln stammen, die in den Trümmern des alten Rinive gefunden und für das British Museum erworben wurden.

Wer hat nun Recht? Das alte Testament, oder die neu entzifferte Keilschrift? Wer war der Missetäter, Adam oder Noah?

Nachdem ich mich eine Zeit lang wie rechtens über die Rehabilitierung des ersten Weibes gefreut hatte - ich für meinen Teil hatte es ihr längst verziehen, daß sie den Adam herumgebracht hatte, ich glaube, ich hätte ihr auch nicht widerstanden, besonders wie die junge Eva im Paradies ausgesehen haben muß - nachdem sich also diese erste Freude etwas gelegt hatte, erschien mir die Sache voll ungeahnter Zusammenhänge.

Zuerst fiel mir auf, daß diesem alten Sünder von Noah schon die Bibel kein besonders günstiges Leumeundszeugnis ausstellt. Schon da wird über ihn in einer Weise berichtet, die ganz verdächtig an die Erzählung der sumerischen Keilschriftentafel. erinnert, mutatis mutandis, freilich. Der Herr hatte ihm den Weinstock geschenkt, damit er sein Herz daran erfreue. Vinum laetificat cor hominis. Aber nicht, damit er sich sinnkos beknülle. Das aber tat Noah, und er wurde seiner Familie, wie erinnerlich, zum Aergernis. Im Grunde genommen war das also auch sozusagen Genuß einer verbotenen Frucht.

Die neueste Entzifferung Professor Langdens aber bedeutet für Noah eine Degradierung von der Traube zum Apfel, vom Wein zum Viez! Und überdies wird festgestellt, daß er nicht mehr auf die Lockungen einer liebreizenden Gomahlin hin, sondern aus eigenem Antrieb die Dummheit gemacht hat, die uns alle das Paradies kosten sollte.

Pfui, Noah, alter Trunkenbold! Wenn ich überhaupt jemand anders hätte, um von ihm abzustammen, würde ich dich ab heute schnöde verkeugnen.

Ich halte mich bis auf weiteres lieber an die Eva.

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    Katalognummer BW-AK-008-1585