Original

27. Januar 1920

Ich begegne überall strahlenden Gesichtern. Ein Freund telephoniert mich an: Sollen wir zwei heute nachmittag nicht über die Tote Frau nach Walferdingen spazieren gehen? Das Wetter ist so schön! Die Frau sagt zum Mann: Männe, zieh dich sonntags an und geh mit mir lustwandeln, sieh, wie die Sonne über die Dächer blinkt. Und du hast mir zu Weihnachten den wunderschönen Pelz geschenkt, jetzt ist es das Wetter, damit zu stolzieren, wir gehen über die Neue Brücke hinaus und kommen über die alte zurück und durch die Großstraße nachhaus.

Mein Hartriegelstrauch am Parkrand hat schon bräutliche Gefühle. Von weitem ist zu sehen, wie es einem grüngelben Dunst gleich in seinen Zweigen hängt, und beim Näherkommen merkt man, daß er schon seine Blütenknöspchen zur Frühlingssymphonie gestimmt hat. Eine befreundete Dame kommt mit ihrem Gatten aus den Anlagen und trägt in der Hand eine Knospendolde, die fertig ist zum Aufbrechen und zum Verstreuen ihres Honigduftes. Und die Katzen und Kater! Ihr sehnsüchtiges Miauen giert schon Tag und Nacht nach fernen Märzfreuden.

Und wir sind noch im Januar! Wo soll das wieder hinaus? Ich freue mich gar nicht mit den andern! Habe ich recht oder unrecht? Soll man den Sonnenschein nicht immer in seine Seelenscheunen sammeln, auch wenn er sich nicht an den Kalender hält? Oder soll man sich Eulenspiegelskrupel machen und an milden Januartagen sich die Laune durch den Gedanken an den wahrscheinlich verregneten und verhunzten Sommer verderben?

Ich denke an den Winter 1916, wo im Februar die Aprikosen an den Giebeln blühten und nie zur Reife gediehen. Das Jahr war verpfuscht. Und wißt Ihr noch, wie andere Blüten damals zuschanden wurden? Die auch im Februar aufgegangen waren, furchtbare Feuerblüten, die auf den Fluren um Verdun zu Tausenden krachend aufsprangen- und nie die Früchte trugen, Gott sei dank, die sie hatten tragen sollen? Bald wird es sich zum vierten Male jähren, daß wir bangen Herzens draußen standen, ausgefüllt mit der Dumpfheit des unablässigen Rollens von hinter den Bergen im Westen her, knirschend wie einer, der gefesselt zusehen muß, wenn ein Liebes von Rohlingen erdolcht wird.

Das war Februar u. März 1916, wo die Aprikosen an den Giebeln blühten und die schlaftrunkene Frühlingserde von dem Gestampf der ausbrüllenden Geschütze durchbebt war. Das vergißt sich nie.

Das ganze Jahr aber war versabert. Weil der Winter dem Sommer ins Handwerk gepfuscht hatte.

Sei, was du bist. Bist du der Winter, so knacke vor Frost und schüttle Wald und Feld voll Schnee und perre die Welt ein in Enge und Einsamkeit. Laß die Mutter Erde in Ruhe, damit in ihrem Schoß sich Fruchtbarkeit sammele und sei nicht hinter ihr her, die ein alter Schürzenjäger, der nichts mehr kann, als die Mädels tätscheln und ihnen unanständige Sachen ins Ohr sagen.

Bist du aber der Frühling, Sommer oder Herbst, so höre darauf, was von dir die Dichter sagen: Vom wunderschönen Monat Mai, und von Pfingsten, dem lieblichen Fest, von der gliederlösenden Sommerschwüle und von dem früchtegesegneten Herbst.

Und bist du eine Frau. so sei nicht hart und herb, sondern mild, und bist du ein Mann, so sei kein Flöterich mit Äolsharfentönen, sondern tu und sage zuverlässig und viereckig, was du zu sagen und zu tun hast.

Dann werden die Jahre schön und fruchtbar und es fällt kein Schneider vom Dach und kein Affe aus dem Rest.

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    Katalognummer BW-AK-008-1586