Original

28. Januar 1920

Ein Freund steckte mir dieser Tage eine Nummer des «Bulletin des Halles» zu und machte mich auf einen Artikel über schweizer Weinbau aufmerksam.

Ich las den Artikel und fand darin so manches Beherzigenswerte, daß ich ein paar Auszüge hier wiedergeben will, auf die Gefahr hin, in weitesten Konsumentenkreisen den Verdacht zu erregen, als halte ich es mit „der Wucherbande von Produzenten“.

Der Verfasser des erwähnten Artikels spricht von den Schwierigkeiten, mit denen die waadtländer Winzer zu kämpfen haben, um ihr Ererbtes zu retten. „Die Natur tritt allzu oft der Arbeit des Winzers feindlich entgegen. Er erschrickt vor den wachsenden Kosten, zweifelt an dem Erfolg seines Schaffens und wird versucht und bestürmt, es mit einer weniger unsichern und lohnenderen Kulturart zu versuchen.“

Im Kanton Waadt haben die Winzer stellenweise ihre Weinberge ausgehauen und pflanzen darin Getreide. Das wäre an unserer Mosel allerdings nicht durchführbar. Auch die Waadtländer weigerten sich endgültig, den Rebbau aufzugeben, und es ist ihnen gelungen, durchzuhalten.

„Der waadtländer Winzer betrachtet seinen Weinberg als ein Geschenk der Natur, als ein Vermächtnis der Vergangenheit, sein Wein ist ihm ein Nationalgewächs und sein Beruf gilt ihm als ein Monopol, das ebenso dauerhaft wie berechtigt ist. .... Er pflegte seinen Weinstock weiter mit der Intelligenz und der Erfahrung, denen ein zweckmäßiger Fachunterricht an die Seite getreten ist, und mit einer strammen Anpassung an die Regeln der Fachwissenschaft. Er hatte ferner den genossenschaftlichen Geist, der durch moralisches Kraftbewußtsein die individuelle Tatkraft vervielfacht, und er wußte, daß er in kritischen Stunden auf die staatliche Unterstützung rechnen durfte.“

Staatshilfe und Solidaritätsgefühl fehlten denn auch nicht. In den Jahren, wo der Weinberg durch allerlei Feinde heimgesucht wurde, erhielten die Winzer Zuschüsse aus der Kantonalkasse zum Ankauf der nötigen Chemikalien und Apparate. Sie taten sich zusammen und kauften im Großen ihren Bedarf ein. Die Genossenschaft nahm auch den Vertrieb des Weines in die Hand. Durch geschlossenes Vorgehen wurde vermieden, daß sich die Winzer gegenseitig unterboten oder daß Spekulanten sich ein Monopol sicherten und den Markt beherrschten. Diesen Bestrebungen verdankt die Weinbörse von Morges ihre Gründung.

So überwand der waadtländer Winzer die Krisis. Sein Beruf war ihm ebenso sehr ein Kultus, wie eine Kultur, er gehorchte der Stimme des Herzens nicht minder, als der der Vernunft. Der Winzer hängt an seinem Weinstock, wie die Rebe am Pfahl. Er steht vor ihm als das Bild der Familientradition, er versinnbildlicht das väterliche Erbe in seiner moralischen Bedeutung wie in seinem materiellen Wert. Wo der Vorfahre gehackt und geschnitten hat, wird der Nachfahre schneiden und hacken, wo Großmutter die goldnen, muskatduftenden Trauben in ihr Körbchen sammelte, da schneiden die Enkelinnen die kleinen Träubchen, die Mutter in der Eile hat hängen lassen. Und an Feiertagen steht auf dem Tisch die Flasche im grauen Staubkleid, die aufgehoben wurde, damit sie den Familienkreis mit Freude durchstrahle.

Der Artikel spinnt diesen Gedanken weiter aus und kommt auch auf den Bauern zu reden:

„Betrachtet ihn nicht nur auf dem Markt, wo er Geschäftsmann ist. Beobachtet ihn auf dem Feld, wo er der Mann der Erde ist. Unter seinem Kittel schlägt ein Herz, das die Scholle liebt, nicht nur wegen ihres Ertrags, sondern weil sie ein Vermächtnis des Vaters und der Mutter ist, deren Schweiß sie getrunken hat, von deren Händen sie mit Saat in emsiger Arbeit befruchtet wurde. ... Daraus fließt die Kraft des Beharrens, die allein den Bauern befähigt, in seinem Betrieb den oft grausamen und immer unsichern Launen des Wettergottes Trotz zu bieten.“

Wenn Sie nun finden, das sei zuviel gesagt, der Bauer und Winzer sei gar nicht so ideell veranlagt, so streiten Sie bitte nicht mit mir, sondern mit unserm alten Landsmann Charles Bivort, der aus seinem luxemburger Dorf vor Zeiten nach Paris kam und in seinem «Bulletin des Halles» denselben Geist verkörperte, der sich in diesem Artikel ausspricht.

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    Katalognummer BW-AK-008-1587