Da der „Wilhelmus“ wieder für ein paar Tage aktual geworden ist, wollen wir über den „Wilhelmus“ plaudern.
Wer als Luxemburger in einem Dorf zuhaus ist, in dem es keine Blechmusik gibt, wächst auf und wird alt und stirbt, ohne vielleicht je den „Wilhelmus“ gehört zu haben. Diese Weise war die musikalische Bogleiterscheinung der holländischen Fürsten, die bei uns das Szepter führten. Sie hängt mit Luxemburg nur insoweit zusammen, als die Verträge uns mit der holländischen Dynastie verknüpft hatten. Da die Weise keine Worte hatte, konnte sie nicht gesungen, nur geblasen werden, und da es auf dem Land draußen immer noch gottgesegnete Fleckchen gibt, wo die Dorfjugend es nicht als ihren Lebenszweck betrachtet, in barock verbogene Kupferröhren zu blasen, so ist der „Wilhelmus“ in weiten Kreisen unserer Heimat unbekannt geblieben.
Ich glaube, ihn zuerst als Pennäler hier in Luxemburg gehört zu haben. Seine Känge weckten in mir immer unweigerlich die Vorstellung, wie Herr Leutnant Knaff, mit der orange Schärpe umgürtet, überweht von seinem Helmbusch aus Hahnenschwanzfedern, am Portal der Kathedrale den Säbel präsentierte. Das und das Te Deum waren die allerfeierlichsten Bilder, die in meiner Vorstellung Platz hatten.
Lange nachher lernte ich den richtigen „Wilhelmus von Nassauen“ kennen. J. A. Müller hatte als Dirigent der «Union Dramatique» eine Reihe altniederländischer Volkslieder auf ein Konzertprogramm ge- setzt, und ich stand mit in der Reihe und sang meinen jugendlichen Bariton, daß ich meine Freude dran hatte. Neben mir stand der selige Emil Simonis und sang noch viel lauter: Wilhelmus von Nassauen bin ich aus deutschem Blut - Mein Vaterland ruht sicher in meiner Hut!
Das sollte heute einmal einer hier riskieren!
Aber trotzdem, diese altniederländischen Volkslieder waren sehr schön, es war Kampf und Trotz in ihnen, und Erdenschwere. Unser „Wilhelmus“ hat mit jenem alten „Wilhelmus von Nassauen“ ungefähr die Ähnlichkeit, die unser „Hämmelsmarsch“ mit dem „Hohenfriedberger“ hat. Vielleicht sagt uns einmal ein Musikhistoriker, wie die beiden zusammenhängen.
Und wiederum lange nachher hörte ich die Klänge des „Wilhelmus“ unter ganz eigenartigen Umständen.
Es war am 5. September 1898, am Tage des feierlichen Krönungszuges der jungen Koningin Wilhelmina in Amsterdam. Ich saß mit Kollegen von der Pariser Presse auf einer Tribüne, die hoch oben auf dem Dach des Polizeigebäudes, dem königlichen Palast gegenüber, errichtet war. In dem Kuppelturm auf dem Dach des Palais spielte der Carillonneur den „Wilhelmus“ und andere Weisen, es war ein ganz eigenes Klingen, und ich mußte immer an den Mann am Glockenspiel denken, der dort seine liebliche Musik für Hunderttausende machte, die ihn nicht sahen und die er nicht sah. Es muß ein unheimlicher Genuß sein, so als verborgener Glockenspieler zu leben und die Herzen Hunderttausender zu bewegen. Und keine Musik von keinem Instrument hastet so hartnäckig im Ohr, wie die des Glockenspiels. Denn sie ist einfach und groß und unpersönlich, übermenschlich.
Darum klingt mir der „Wilhelmus“ von Amsterdam her immer in den Ohren und er ist mir lieb geblieben, aber fremd. Er ist mir nicht verwachsen mit den Eindrücken der Heimat. Er ist für mich Gepränge, Feierlichkeit, Pomp, Hof, Minister, Soldaten, Lakaien, Equipagen, Volksmasse, Königsgeburtstag, Orden, Festessen, Hofball, Gala - alles, nur nicht Volk.