Jemand sagte, ich sollte einmal über die Weste schreiben. Er hatte grade der Versteigerung eines verstorbenen Arbiter elegantiarum beigewohnt und dessen epochemachende Sammlung von Westen bewundert.
Ich meinerseits bewundere die Männer, die heute noch den Mut ihrer Weste haben. Es sind für gewöhnlich dieselben, die auch den Mut ihrer Meinung besitzen. Ein Schleicher und Drückeberger trägt nie eine farbenflammende Weste. Von meinen sämtlichen Bekannten war der, der die farbenfrohesten Westen trug, auch derjenige, der am offensten, wenn es sein mußte am unverschämtesten sagte, was er dachte.
Die Weste ist heute für den Mann das einzige Mittel, seine Farbenfreude an den Tag zu legen. Der Männeranzug ist unter dem despotischen Einfluß der Mode zu einer immer dunkleren und poesieloseren Uniform geworden. Sind es die Philister, die die Menschen mit Phantasie zwangen, ihnen zu gleichen, damit die ganze Welt wie eine Welt von Philistern aussehe, oder sind es die Menschen mit Phantasie, die aus einer Laune heraus den Philistern sich angeglichen haben, damit man sich vorstellen könne, es gebe überhaupt keine Philister mehr - soviel ist sicher, die heutige Männertoilette ist direkt philiströs. Wie schön wäre es, wenn die Mode wollte, daß sich jeder nach seinem Geschmack kleidete! Ein Blick über einen Saal würde genügen, um Dir zu sagen, wieviel Prozent von jeder Menschengattung darin vertreten wären. Heute brauchst Du unter Umständen eine Stunde und meh- rere Flaschen Champagner, bis Du zu dem Wesenslern eines neuen Bekannten vordringst.
Hat aber der Mann den Mut seiner Westen, so weißt Du sofort Bescheid. Nirgends wird der Weg zwischen Geschmack und Ungeschmack so schmal und gefährlich, wie wo es sich um Westen handelt. Die Blusenfrage auf der Frauenseite ist nicht halb so verfänglich. Die Weste ist ein Eiertanz. Siebzehnerlei ist zu berücksichtigen. Und wenn Du endlich glaubst, die Richtige zu haben, sieht Dich ein Sachverständiger mit Entsetzen an und sagt: Mensch, diese Knöpfe!
Es gibt farbige Westen, die ihren Mann bedeuten. Ich kann mir meinen Freund Jim Smiley noch heute nicht ohne seine mausgraue Weste vorstellen, die das Symbol einer seiner zahlreichen Entwicklungsperioden bleiben wird. Sie ist ihm heute wahrscheinlich zu eng geworden, aber er wird sie doch um Gottes willen nicht der Frau Berweiler verkloppt haben! Diese brave Perle der Trödlerinnen hätte ja keine Ahnung, was eine Weste, unter der solch ein Herz geklopft, solche Stürme getobt haben, in ihrem Herrengarderobebestand für Aufruhr anzuzetteln und für Unheil zu stiften imstand wäre. Diese Weste gehört ins Landesmuseum.
Die Lust an farbigen Westen ist beim Mann ein Naturtrieb. Erst waren es die Kravatten, aber die Kravattensucht hat sich zu stark demokratisiert, weil jeder für fünfzig Pfennige sich ein Osterei von Kravatte kaufen konnte, das anilinfarbig einen ganzen öffentlichen Platz überstahlte. Besagter Naturtrieb rettete sich also in die Westen hinauf. Wie die Taube, das Rotlehlchen, der Fasan und vieles andere Geflügel sich grade die Brust mit den prunkvollsten und raffiniertesten Farben schmücken, so möchte es gern auch der Mann, der der Natur noch näher steht, als das Schematier auf zwei Beinen, das heute den Nachkommen Adams darstellt. Also meine Freunde, wenn Euch Eure Braut oder Gattin zu Weihnachten eine recht bunte Weste gestickt hat, tragt sie dreist und unbekümmert und seid stolz drauf, jeder Spott darüber ist gelber Neid.
Es gibt eine Weste, die sich zu dem gewöhnlichen Kleidungsstück dieses Namens verhält, wie etwa eine Hofschranze zu einem Mann. Es ist die Ballweste. Sie macht sich sklavisch dünn, um der Hemdenbrust den Vortritt zu lassen. Sie ist kein Bild, sie ist nur noch ein Rahmen.
An der Weste ist eine Hauptsache die Tasche. Daran wird der Adel der Weste offenbar. Ein Griff in die Hosentasche ist gemein, ein Griff in die Rocktasche hausbacken oder feierlich, je nachdem es sich um die Seiten- oder Brusttasche handelt. Der Griff in die Westentasche aber ist der Griff des Cavaliers. Zwei schlanke Finger hineingesenkt, ein Goldstück dazwischen herausgebracht, es mit hochgestrecktem kleinen Finger und ein bißchen abgewandtem Gesicht - probieren Sie den Gestus! - einer knixenden Zofe in die Hand gedrückt: Ist das nicht das höchste Psylandertum?