Original

1. Februar 1920

Wie ich schon sagte: Welthistorische Stürme toben sich bei uns immer in Kappenfragen aus.

Die Briefträger haben ihre Kappenfrage überstanden. Bei unsern Soldaten gärte es eine Zeitlang, weil sie die österreichischen Tschakos nicht mehr leiden wollten. Jetzt, nachdem die österreichische Ententefeindlichkeit, was uns betrifft, durch die Einheiratung eines ehemaligen österreichischen Offiziers etwas gemildert scheint, ist die militärische Kappenfrage wieder eingeschlafen. Vielleicht auch aus Sparsamkeitsgründen.

Desto akuter ist die Frage bei unsern sogenannten Studenten geworden. Ich sage: sogenannten, weil hier der Name tatsächlich usurpiert ist. Ein Student wird man nach europäischem Sprachgebrauch erst auf Hohen Schulen, wenn man frei seine Lehrer wählt und mit ihnen frei die weite Flur der Wissenschaft durchstreift. Student hat heute in Deutschland sogar die üble Nebenbedeutung des lucus a non lucendo, immer allgemeiner wird der Brauch, die Akademiker als studierende zu bezeichnen, um sie von den Studenten zu unterscheiden, die nicht studieren und die Gattung darstellen, die sonst als Bruder Studio bezeichnet wurde.

Unsere „Studenten“ wollen also eine Kappe haben. Sie trügen am liebsten eine Uniform, aber dieser Traum wird an der Kostenfrage zuschanden.

Wenn ich heute noch Quartaner oder Primaner oder sonst aner wäre, ich glaube, ich würde mich mit Händen und Füßen gegen die Uniform wehren, und sollte sie sich auch auf den edelsten Körperteil, das Haupt, beschränken. Grade die Köpfe lassen sich bekanntlich am allerwenigsten uniformieren, zum größten Glück der Menschheit. Die Uniform kommt uns vom Militarismus, und der Militarismus ist mir verhaßt, teils dieserhalb, teils außerdem. Ich verabscheue es, daß Menschen sich zusammentun und gleiche Hosen und Röcke anziehen, um sich von den andern abzusondern und glauben zu machen, sie seien etwas Apartes. Die Menschheit ist wahrhaftig alt genug, um diesen Herdentierinstinkt überwunden zu haben. Wenn ich eine Uniform brauche - und sei es auch nur eine Kappe - um mich zur Geltung zu bringen, bin ich in jedem Betracht ein armer Teufel.

Andererseits liegt dieser Liebe zur Uniform manchmal der Solidaritätsgedanke zugrunde. Das mag bei unsern Pennälern der Fall sein und so mögen sie sich denn ihre Kappe zulegen.

Ich vermeide das Wort Klassenkappe. Die deutsche Klassenkappe ist eine direkte Herausforderung zur Karikatur. Die naive Roheit der Farbe revoltiert komisch gegen die pedantische Steifheit der Form. Ich habe nie begriffen, warum in Deutschland sich nicht genug Leute von Geschmack fanden, um der Klassenkappe den Garaus zu machen.

Wie ich höre, wollen unsere Pennäler als Kappe das Beret der französischen Akademiker wählen. Liebe jungen Freunde, tut das nicht! Seid, was Ihr seid. Ihr seid noch keine Studenten, wollt nicht jetzt schon scheinen, was Ihr später werdet. Zieht Euch nicht mit 12 und 13 Jahren den Samtbeutel über die Ohren, an dem man in Nancy und Paris den jungen Mann erkennt, der in der Sorbonne und der Universität die höhere Wissenschaft pflegt und durchweg eine Mätresse hat. Außerdem, dieses französische Studentenberet von Samt und Seide ist unschön und unmännlich. Es ist ein schlaffer, leerer Beutel, der auf dem Kopf eines Jüngers der Wissenschaft ein höchst fatales Sinnbild darstellt.

Andere haben das schmucke, wollene Beret im Sinn, das u. a. in den Pyrenäen und von den französischen Alpenjägern getragen wird. Das ließe sich sehen. In Frankreich tragen es alle Collégiens, und auch unsern Lyceistinnen würde es nicht übel zu Gesicht stehen. Das Barett erfreut sich bei der studierenden Jugend nicht umsonst großer Beliebtheit. Es verleiht seinem Träger etwas Genialisch-Bohemehaftes, es wurde von Raffael, von Nichard Wagner von Sardou und andern berühmten Leuten getragen. Ich begreife, daß die Jugend dafür schwärmt.

Ich kann indes nicht glauben, daß Einige das Samtbarett tragen u. ihren weniger bemittelten Kameraden das billigere Wollberet überlassen wollen. Boykottiert diese Protzen, setzt Euch zum Protest alle das Alpenjägerberet auf! Wenn Ihr in Eurer Jugend schon solche Grenzen ziehen wollt, verdient Ihr Prügel!

TAGS
    Katalognummer BW-AK-008-1591