Bei Wierschem im Schaufenster stehen seit Sonntag Bilder, die wie mit Händen nach den Vorbeigehenden greifen und ihnen zuraunen: Heda, du, guter Freund, bleib ein Weilchen stehen und sieh mich an! Was sagst du dazu?
Und man bleibt stehen und sieht sich die Bilder an und dann forscht man nach dem Namen. Ida Meier, heißt die Künstlerin. Ich weiß über sie und ihre Bilder ein wenig mehr und freue mich, es meinen Lesern mitteilen zu können.
Frl. Ida Meier ist Schweizerin. Ihre Heimatstadt ist das wundersame Zürich, von dem sie ein Stück auf einem ihrer Bilder wiedergibt. Sie ist ein ganz klein wenig auch Luxemburgerin, da eine Schwester von ihr Herrn Bankdirektor Sturm aus Ettelbrück geheiratet hat.
Nun wissen Sie also, von wem die Bilder sind. Diesen Neugierdeschutt muß man in den Köpfen der Betrachter zuerst wegräumen, damit sie ihre Aufmerksamkeit ungeteilt dem Kunstwerk zuwenden können.
Über die Bilder ist allerlei zu sagen. Zum Beispiel über die Technik. Diese farbigen Holzschnitte sind jedes ein Original und haben jedes den Wert eines Werkes, das die ganze Individualität und das ganze Können des Künstlers verkörpert. Es handelt sich nicht um Drucke, an denen die Maschine irgend welchen Anteil hat. Die Malerin hat jeden Stock - und zu jeder Farbe im Bild ist ein Stock erfordert - selbst geschnitten, sie hat mit eigenen Händen die einzelnen Stöcke eingefärbt, jedes Blatt eigenhändig vom ersten, zweiten, dritten Stock gedruckt, die Farben geprüft, ob sie rein und in den Mischungen richtig gekommen sind. Bei näherer Beobachtung siehst du sofort, daß jedes Bild ein Individuum für sich ist, daß bei jedem z. B. die Körnung der Farbenfläche verschieden ist, daß jedes die Spuren des „Hand-Werks“ der Malerin trägt.
Für Kenner ist noch das Detail interessant, daß die Bilder auf feuchtes Papier gedruckt sind, was bei der Farbengebung ein großer Vorteil ist.
Es handelt sich also nicht um einen Massenartikel, sondern um wirkliche künstlerische Einzelarbeit mit dem ganzen Gepräge der Künstlerpersönlichkeit.
Die Drucke Ida Meiers haben das Besondere, daß die Zeichnungen von vornherein den lieben alten Holzschnittton instinktiv treffen und ihn glücklich ins Farbige übersetzen. Es sind Bilder von höchster Modernität, sie kommen der Kunst des „Wohnens“, (die schwerer ist, als viele Keltenhändler sich träumen lassen,) von weitem entgegen.
Sie sind voll einer heimeligen Zuhausatmosphäre, eines süßen Heimatduftes. Der gelbe Abendhimmel mit der Silhouette des Kahns mag noch so japanisch anmuten, er singt jedem die Abendlieder seiner Kindheit. Die Miez, die zwischen den sonnbebrüteten, geschlossenen Jalousieläden /und dem leeren Teller ihre Siesta hält, die schweizer Stüblis, die Blumen, die Stilleben, die Landschaften, alles ist so ruhig und fertig und zutunlich, daß man es streicheln möchte. Diese Sachen sind mit Lust und Liebe und mit raffiniertem handwerklichen Können gemacht.
Und wer zwei, oder fünf, oder gar zehn Minuten davor stehen bleibt, wird merken, daß sie immer lockender zu ihm reden.