Das muß man sagen, es wird viel für die Stadt Luxemburg getan. Alles ist bestrebt, sie auf dem Weg des Fortschritts so gut es geht mit voran zu karren. Wir haben schon die Trambahnen, wir haben schon eine Litfaßsäule vnd eine öffentliche Bedürfnisanstalt, wir haben ein Konservatorium, wir haben neuerdings sogar eine Trocadero-Bar bekommen, kurzum, wir machen uns.
Dazu unsere landschaftlichen Reize. Einzigartig auf 300 Kilometer im Umkreis. Vor dem Krieg kamen Touristen von weit und breit, um die Stadt zu bewundern. Leider ist uns jetzt in den zerstörten Städten in Frankreich und Belgien ein unangenehmre Wettbewerb erwachsen, der unserer Fremdenindustrie das Wasser abzugraben droht. Die Scharen aus Amerika werden die nächsten Jahre nach Verdun und Ypern pilgern und uns links liegen lassen. Das war wenigstens zu befürchten.
Aber die Behörde wacht. Ich weiß nicht, welche Behörde, aber wenn man nicht weiß, welche, so sagt man einfach „die“.
Also sie wacht und sucht rechtzeitig in unsern Mauern den Trümmerstätten den der Maas und Marne und Yser etwas Ebenbürtiges an die Seite zu stellen.
Wir hatten ja schon den Hohlen Zahn am Clausener Berg. Dieser hat Jahrzehnte lang unsern Bedarf an Ruinen vollständig gedeckt. Da er ein wenig zu weit abseits liegt, gab man ihm später in dem Trümmerfeld des Cavalier Jost ein Seitenstück. Diese moderne Neklame-Ruine liegt sehr günstig in der Nähe der Vost und wird von allen Fremden nach Gebühr angestaunt. Als es sich kürzlich darum handelte, den Platz zwecks Bebauung zu veräußern legte sich das GroßherzoglichLuxemburgische Institut, Abteilung für Erhaltung historischer und landschaftlicher Sehenswürdigkeiten, energisch ins Mittel, so daß vorderhand das Fortbestehen dieses Trümmerfeldes gesichert ist.
Aber dieser beiden künstlichen Ruinen, so gut sie auch gemeint sind, genügen der erdrückenden Masse von Trümmern gegenüber, die auf den Schlachtfeldern des großen Krieges tagen, nicht mehr, und so hat es denn die Behörde unternommen, im Innern unserer Hauptstadt ein ganzes Häuserviertel künstlich in den Zustand zu versetzen, in den Etain, Dinant Verdun und andere französisch-belgische Städte durch den Krieg versetzt sind. Man will auf diese Weise den reisenden Amerikanern doch etwas zu bieten haben.
Und da es hauptsächlich auf den Eindruck ankommt, so fragte es sich, was denn eigentlich in den verwüsteten Gegenden am stärksten den Eindruck der Verwüstung macht. Jeder wird Ihnen sagen: das sind die Bäume. Ein Haus braucht nicht notwendig durch eine Granate zertrümmert zu werden, es kann an Altersschwäche einstürzen. Aber einem Baum fliegt nicht von selbst die Krone mir einem Stück Stamm davon. Wenn zwei, drei Bäume am Wege stehen, von denen nur die Stümpfe übrig sind, so riecht gleich alles nach Katastrophe. Das wußte die Behörde. Sie fing daher mit den Bäumen an. Das ins Auge gefaßte Stadtviertel ist das untere Ende der Josefstraße. Als ich gestern morgen da vorbeiging und an nichts übles denkend meinen Blick die Straße hinauf schweifen ließ, fühlte ich mich ganz in die Gegend von Verdun versetzt. Alle Akazien die Straße hinauf und herunter sind auf halber Stammhöhe abgehauen, die schwarz geteerten Stümpfe starren in die Luft, wie wenn sie von einer Feuersbrunst übrig wären. Und die Häuser rechts und links liegen gottergeben, wie Opferlämmer, die wissen: Nun werden sie auch uns bis auf die Hälfte herunter abbrechen, um das kriegerische Verwüstungsbild zu vervollständigen. Die Menschen, die in uns wohnten, werden ihre Stuben in den Keller verlegen und in ihre Gärten Baracken bauen, ganz wie drüben, wo die Kri@ie tobte. Und eines Tages werden sie selber glauben, daß wir im Feuer platzender Bomben und Granaten zusammengebrochen sind.
Wenn Sie nun einen von der Behörde fragen, so wird er dreist alles ableugnen und sagen, sie hätten die Akazien nur deshalb in der Mitte abgehauen, damit sie später umso schöner nach allen Seiten ausschlagen sollten.
Also wollen wir auf das Ausschlagen warten. Einstweilen sind wir um die Pracht der Akazienblüte für lange Jahre betrogen.