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5. Februar 1920

Das Jahr hat sich in den Kopf gesetzt, es den Menschen gleich zu tun.

Ist Ihnen schon zum Bewußtsein gekommen, daß das Zeichen und die Krankheit der Zeit das „Nichterwartenkönnen“ ist?

Der Februar kann es nicht erwarten, er will der April sein. Er will den Frühlingsaufruhr in der Erde und in den Knospen, der über zwei Monate fällig ist, auf sein Konto gebucht haben. Er ist es müde, mit Schnee und Eis in der Vorstellung der Lebenden identifiziert zu werden, er will auch einmal die Menschen zu Lenzesliedern begeistern.

Er hat Unrecht. Er weiß nicht, wie schön er ist, wenn er bleibt, wie er in der Reihenfolge der Monate sein soll. Was soll uns eine Reihe himmelblauer Sonnentage um diese Zeit? Wer freut sich daran? Der Städter, der mit der Natur keinen Zusammenhang hat, der sich nicht überlegt, daß er einen Winter ohne Frost mit einem Sommer ohne Sonne bezahlen muß. Tausendmal lieber, als ein durchsonnter Februar, ist mir der bittere Hornung des normalen Kalenderlaufs. Er ist noch ein Winterkerker, aber man spürt schon durch die Ritzen zuweilen laue Vorfrühlingsluft, noch herb, aber mit einem Schuß Milde und Nachgiebigkeit, und durch kleine Kerkerfenster leuchtet ab und zu die Verheißung einer ganz, ganz jungen Himmelsbläue. Ich hatte einen Freund, der die Briefe von seinem Schatz nie gleich öffnete. Er steckte sie erst eine Weile in die Brusttasche und ließ die freudige Erwartung wachsen, bis eine große Freudenflamme daraus geworden war. Der diesjährige Februar holt seine Liebesbriefe in der Post ab und liest sie am Schalter. Er ist kein Genießer. Er will ein Genießer sein, aber er ist ein Banause.

Nichterwartenkönnen! Es ist das Symbol der Zeit. Die ganze Menschheit spielt heute Februar 1920. Sie kann es nicht erwarten, bis ihre Rosen blühen und blättert nervös die Knospen auf.

Die Jugend zumal. Ich las, was ein Knabe von 15 Jahren schrieb: „Wir werden gegen Euch Alte recht behalten, denn wir werden noch da sein, wenn Ihr einmal nicht mehr da sein werdet!“

Glaubt die Jugend von heute, das Dasein allein bedeute schon recht haben? Dann hätten also die anderthalb Millionen französischer Helden, die für ihr Vaterland gestorben sind, heute bitteres Unrecht? Die Abwesenden haben Unrecht, aber nicht die Toten. Die Toten sind nicht abwesend, sie sind manchmal gegenwärtiger, als die Lebenden. Es ist töricht, zu sagen: Morgen werde ich gegen dich recht haben, denn morgen bist du tot und ich bin lebendig. Die Tatsache, daß einer auf zwei Beinen herumgehen und das Maul aufreißen kann, gibt ihm nicht recht gegen einen Toten, der auch nur einen lebensfähigen Gedanken in die Welt gesetzt hat. Kein unglücklicheres Alter kann sich die Jugend bereiten, als wenn sie sich über das Alter erheben will. Denn so wird sie niemals jung sein. Und um schön und glücklich zu altern, muß einer jung gewesen sein jung, wie es die Jungen zu allen Zeiten waren, wo die Menschheit nicht so unglücklich war, wie heute. Der Wert des Menschen liegt wirklich nicht nur unterhalb der Taille.

Und so sicher, wie alle Jahre ohne Winter auch ohne Sommer waren und als Mißjahre in aller Erinnerung stehen, so sicher ist es, daß die Menschheit nicht glücklich wird, wenn sie das Erwartenkönnen dauernd verlernt.

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    Katalognummer BW-AK-008-1594