Original

11. Februar 1920

Ein Bekannter, der mir gestern begegnete, machte mir bittere Vorwürfe wegen des Schlußpassus meines gestrigen Kladenderblattes. Ich fragte dort nämlich, wem wir mit der sentimentalen Versenkung in Kindheitserinnerungen auf den Leim gehen, und meinte, niemand hätte in seiner Kindheit so intensive Glücksgefühle gehabt, daß er dafür den Inhalt eines reifen Lebens drangeben möchte.

Mein Bekannter sagte, ich hätte mich in flagranten Widerspruch zu der allgemeinen Empfindung der ganzen Kulturmenschheit gesetzt. Jeder wisse doch, daß es kein größeres Glück im Leben gebe, als das Glück der Kindheitstage.

Gegen Gefühle und Empfindungen ist nicht zu räsonnieren. Einem Menschen, der sich glücklich fühlt, kannst Du nicht das Gegenteil beweisen, und einer Frau. die glücklich ist in dem Glauben, daß ihr Hut ihr vortrefflich steht, kannst Du diesen Glauben nicht aus dem Herzen diskutieren. Nur wenn ihre beste Freundin sagt, der Hut sei wundervoll, wird sie stutzig.

Ich ließ also meinen Bekannten bei seiner Meinung, daß ich wieder einmal den Gefühlsbarbaren herausgekehrt hatte. Abends aber las ich zufällig in einer monistischen Sonntagspredigt von Wilhelm Ostwald, vom 9. April 1911, ein paar Stellen, die mir gegen meinen Bekannten recht zu geben scheinen. Ostwald sagt, daß die Menschheit im Lauf der Zeit nicht schlechter, sondern besser wird. Also lebt der Mensch im Alter zweifellos in einer besseren Welt, denn als Kind. Doch ich gebe Ostwald das Wort:

„Die charakteristische Grundlage der Mythe vom Sündenfall ist die Annahme von dem Vorhandensein des Paradieses und eines schuldlos-glücklichen Lebens darin, das dann durch einen besonderen Umstand, nämlich die Einführung der Sünde gestört worden ist. Die gleiche Ansicht, daß der Beginn der Menschheit durch ein goldenes Zeitalter gekennzeichnet sei, findet sich weit verbreitet auch außerhalb des Juden- und Christentums. .....

„Nun hat die Wissenschaft uns bekanntlich ein ganz anderes Bild von den Uranfängen der Menschheit gegeben. Wenn wir alle hypothetischen Annahmen über die weiter zurückliegenden Vorfahren, die etwa noch nicht menschliche Eigenschaften (im anatomischen Sinne) gehabt haben mögen, bei Seite lassen, so dürfen wir doch mit aller Bestimmtheit aussprechen, daß je weiter wir in die Urgeschichte der Menschheit zurückgehen, umso weiter wir uns auch sicherlich vom paradiesischen Zustande entfernen. Wildheit, Grausamkeit, Blutgier, Mord und Kannibalismus sind sicherlich umso häufiger, je mehr wir uns dem Urmenschen nähern oder genauer gesagt, je weiter wir geschichtlich rückwärts vom heutigen Kulturmenschen gelangen. Es kann ja nicht anders sein, wenn wir überhaupt dem Menschen die Fähigkeit zuerkennen, sich seinem Willen gemäß langsam zu ändern. Denn dann hat er sich jedenfalls so geändert, wie er es wünschte, und nicht umgekehrt. Und daß er diese Fähigkeit besitzt, davon geben uns die zahllosen Kenntnisse und Fertigkeiten ein unwidersprechliches Zeugnis, über welche z. B. der heutige Mensch im Gegensatz zu dem vor nur fünfzig Jahren verfügt.

„Also die Wissenschaft verlegt das goldene Zeitalter, oder was einem solchen unter menschlichen Verhältnissen ähnlich werden könnte, jedenfalls nicht in die ferne Vergangenheit, sondern in die (leider gleichfalls noch recht ferne) Zukunft. Jeder geschichtliche Blick, der nur über ein Jahrhundert oder einige reicht, gibt uns zweifellos zu erkennen, daß die Menschheit auf dem Wege fortschreitet, den sie in ihrer Mehrzahl zu gehen wünscht, d. h. daß sie in ihrem Sinne jedenfalls besser wird.

Wie hat es denn kommen können, daß die gegenteilige Ansicht mit dieser großen, fast ausnahmelosen Allgemeinheit hat entstehen müssen? Es liegt hier offenbar eine naturgesetzlich bedingte Notwendigkeit vor, die unabhängig von Rasse, Lebensweise und sonstigen Mannigfaltigkeiten beim Menschengeschlecht ist und auf Gründen beruhen muß, welche bei allen Menschen übereinstimmend vorhanden sind.

„Ein solcher Grund gibt sich zu erkennen, wenn man alte Leute mit der Frage anredet, ob die Welt nach ihrer Ansicht besser geworden sei. Sie werden sie meist verneinen und im allgemeinen umso bestimmter, je älter sie geworden sind, und werden einstimmig erklären, daß „zu ihrer Zeit“ alle Dinge unvergleichlich viel besser gewesen seien. Da solche Erklärungen auch über Dinge abgegeben werden, die zweifellos unverändert geblieben sind, wie z. B. die Wärme des Sommers, der Wohlgeschmack der Früchte usw., so liegt nach den Regeln der Logik die Ursache dieses Urteils nicht bei den Dingen, sondern bei den alten Leuten.

Hatte ich nicht recht, als ich sagte, wir sollen mißtrauisch sein, wenn die Kindheitserinnerungen uns ans Herz greifen und uns weich machen wollen?

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    Katalognummer BW-AK-008-1599