Original

27. Februar 1920

Wir lernten in Paris u. a. auch zwei berühmte Abbés kennen: den Kanonikus Collin von Metz, der vor dem Krieg mit dem Bischof Benzler in schwerer Fehde lag, und den Abbé Lemire dessen Name in der französischen Politik seit Jahrzehnten erklingt.

Abbé Lemire ist ein gutmütiger, betulicher Mann, dessen ganzes Wesen langsames, gediegenes Wohlwollen atmet. Er sieht in jedem Augenblick aus, als wollte er einem leutselig die Lossprechung erteilen oder eine Prise anbieten. Er ist es sichtlich gewöhnt, daß ihm alle Kinder, wenn er durch die Straßen von Hazebrouck geht, in Scharen entgegenlaufen, um ihm in die Hand zu patschen, und wenn er von Paris in sein Departement heimfährt, hat er alle Taschen seiner Soutane voll von Päckchen und Dütchen für die Frauen seiner Wähler.

Er hat einen großlippigen, gütigen Mund, dem die Worte wacker und deftig entrollen, wie Kartoffeln dem Sack. Er ist kein Schönredner und ist weniger auf Beifall aus, als auf positive Ergebnisse. Er fragt gleich: Habt Ihr nichts bei Euch zuhaus, was wir in französisch-Flandern gebrauchen könnten? In diesem Fall müßte unsere Regierung zollfreie Einfuhr gestatten. - Ein Luxemburger sagt: Doch, wir haben Kartoffeln, und wir möchten Kohlen dafür haben. Abbé Lemire’s Augen leuchten: Kartoffeln! Wir kennen sie kaum noch dem Namen nach! Wir wissen nicht, wo wir im Frühjahr die Saatkartoffeln hernehmen? Bringt uns Kartoffeln und unsere Herzen stehen Euch offen, wie Blumenkelche!

Kanonikus Collin spricht nicht von den luxemburger Kartoffeln, aber von den luxemburger Frauen. Er hat eine Spezialität. Er geht in der Rede bis dicht an die Stellen heran, wo es für einen Abbé heikel zu werden beginnt und schwenkt dann plötzlich ab nach rechts in die Gefilde der Harmlosigkeit.

Er redet auf dem Bankett im Palais d’Orsay nach den HH. Reynald, Picard, Altwies, Brasseur, Housse u. a. m. und sagt, die haben ihm in seinem Garten alle Beete geplündert, aber er werde schon noch ein paar Blümchen finden. Und sichert sich den Toast auf die Damen. Ja, sagt er, nun sitzen Ihre Gattinnen zuhaus und denken an ihre Männer, die in dem großen Paris herumgehen, und sie fragen sich: Was tun sie dort? Que font-ils là-bas?

Dabei hebt der schlaue Kanonikus verzweifelt die Arme gen Himmel, und seine Augen blitzen schelmisch über den großen Säcken, die ein charakteristisches Merkmal in seinem Gesicht bilden, in diesem Gesicht mit dem weißen, schlaffen Fleisch, wie man es bei einer wohlgepflegten alten Markise findet. Die Männer lachen, umso lauter wahrscheinlich, je schuldbewußter sie sind, und schon ist der Redner weit weg von dem Verdacht, der aus seiner Frage klang, weit weg von den breiten Boulevards und den glatten Böden, auf denen so selten die Tugend spazieren geht, und spricht in tiefem Ernst von den Aufgaben der interparlamen- tarischen Kommission, der Frau im sozialen Leben usw. usw.

Oder plötzlich, wie nach aufgehobener Tafel alles nach den Türen strebt, hinter denen schon der Mokka duftet, da stellt sich der Herr Kanonikus mit ausgebreiteten Armen in den Ausgang und ruft: Halt, Kinder, hier geht niemand hinaus, bis ich mein Gebet gesprochen habe!

Die Freimaurer in der Gesellschaft denken wahrscheinlich: Soll er wirklich den zweifelhaften Geschmack haben, daß er uns veranlassen will, ein Kreuz zu schlagen!

Da schmettert der baumlange Abbé in den Saal: Vive la France! - dreht sich um und enteilt mit Riesenschritten, wie ein Schauspieler, der sich einen guten Abgang gemacht hat und besorgt, es könnte ihm etwas dazwischen kommen.

Im Grund genommen wäre mir, wenn ich wählen müßte, Herr Peter Schiltz lieber.

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    Katalognummer BW-AK-008-1605