Original

28. Februar 1920

Ein paar von den intelligentesten Mitgliedern der Rechtspartei hatten es sich dieser Tage in der Kammer zur Aufgabe gesetzt, zu insinuieren, es sei Herrn Peter Prüm und den Anhängern der „belgischen Lösung“ darum zu tun, statt einer französischen eine belgische Garnison nach Luxemburg zu bekommen.

Ich weiß nicht, wie Herr Peter Prüm darüber denkt, aber ich habe schon gesagt, wie wir hier darüber denken.

Um die Herzen einer Bevölkerung in Friedenszeiten zu erobern, ist das denkbar schlechteste Mittel das Militär. Ob es Franzosen oder Belgier oder Amerikaner oder sogar Luxemburger sind, zwischen Militär und Zivil klafft immer ein Abgrund und sind immer Konfliktstoffe angehäuft. Wenn das schon der Fall zwischen Landsleuten ist, um wieviel mehr zwischen Angehörigen eines Landes und Fremden.

Wir erfahren in der Öffentlichkeit wenig von Zusammenstößen zwischen luxemburgischem Zivil und französischem Militär. Aber vorhanden sind sie doch, und wäre es vorläufig auch nur auf den Tanzböden. Wir haben infolge der Initiative des Hrn. Reuter leider jedes Recht verloren, uns zu beklagen, wenn es zu Reibereien kommt.

Wenn also einer wirklich der Meinung ist, wir führen mit Belgien besser, als mit Frankreich, so muß er Gott danken, daß wir keine belgische Garnison ha- ben und sich mit Händen und Füßen dagegen wehren, daß wir eine bekommen. Die starke Belastungsprobe für unsere französischen Sympathien ist die franzosische Garnison, und die Angst mußte der Regierung schon bis in’s Mark gekrochen sein, bis sie sich dazu entschloß, sich unter den Schutz des Auslandes zu flüchten.

Es wird schon schlimm genug sein, wenn wir in unserm Ländchen wieder eine eigene Militz einführen und damit die sämtlichen Nachteile des Militarismus in den Kauf nehmen müssen.

Das Militär ist der unproduktive Faktor par excellence. Es ist absolut unnütz, solange das Leben seinen normalen Gang geht. Die Kaserne schaltet aus dem wirtschaftlichen und geistigen Leben der Nation vorübergehend und dauernd die besten Kräfte aus. Der Soldat ist in Friedenszeiten der Richtstuer, der für den Kriegsfall scharf gemacht wird. Heute, zur Zeit der Völker in Waffen, hat sich der Begriff etwas abgeschwächt, aber das Wesen des Soldaten ist im Grund dasselbe geblieben. Er wäre eigentlich weiter nichts, als der Hausknecht, der bei Bedarf gerufen wird, um einen unbequemen Gast oder frechen Eindringling vor die Türe zu setzen. Aber patriotische Erwägungen und die weibliche Vorliebe für das zweierlei Tuch, die in ihrem Urgrund die Vorliebe für den starken Müßiggänger ist, haben das Militär auf eine höhere gesellschaftliche Stufe gehoben. Aus dem Gladiator ist der poiln und der Fähnrich geworden.

Man sieht, das Militär ist letzten Endes ein notwendiges Übel, aber ein Übel. Und es gehört die ganze Intelligenz gewisser enfants terribles der Rechtspartei dazu, den Befürwortern der belgischen Lösung den Wunsch zu unterschieben, die französische möge durch eine belgische Garnison ersetzt werden.

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    Katalognummer BW-AK-008-1606