Original

10. März 1920

Seit in meinem Heimatdorf die beiden Grünröcke liegen, um mit bewaffneter Hand dem Schmuggel entgegenzutreten. hat sich die männliche Jugend erheblich einanzipiert. Die beiden sind vortreffliche Gesellschafter und flotte Burschen, sie sind wie ein Luftzug von draußen in einer Bauernstube.

Es konnte darum nicht ausbleiben, daß sie den Burschen das Whistspiel beibrachten. Und wo sonst bis in die Nacht hinein „Mönsch“ gekloppt wurde, wird jetzt Whist gekloppt. Man hört nicht mehr: „Ganscht a gewi@scht, ’t Mönsch an d’Spätz, mat ob meng!“ - sondern: „Misère, ech propose’eren, avec usw.“

Soweit hatte der Einfluß der Zollverwaltung auf die männliche Dorfbevölkerung nichts Anormales. Aber es knirschte mir unter den Zähnen, als plötzlich einer sagte: „Ewell kriß de kee me’!“

Also ich bitte Sie! „Ewell kriß de kee me’!“ Wo der Mann von Kindsbeinen auf immer gesagt hatte, wo schon sein Ururgroßvater, sein Urgroßvater, sein Großvater sein Vater und ebenso seine Vorfahren mütterlicherseits gesagt hatten: „Ewei’ kre’sche kä me’!“

Tat er es aus Ironie? Möglich. Denn dort herum hatten sie schon immer den Schelm im Nacken. Es kann aber auch sein, daß er dem Gesetz der Sprachschichtung gehorchte, daß wirklich das alte, breite Platt unseres Moseltales schamhaft vor der wachsenden Kultur seine Klobigkeit verstecken und sich verstädteln will. Wie überall die Bauerntrachten verschwinden und der gemeinen Mitteleuropäerkulturuniform Platz machen.

Das Phänomen beschränkt sich natürlich nicht auf meine Heimat. Dort waren die Zollbeamten die Keimträger. anderswo sind andre Einflüsse an der Arbeit. Wo ist denn noch ein Echternacher, ein Diekircher, ein Viandener, Clerfer oder Wiltzer, der das reintönige, ungemischte Platt seines Großvaters spricht? Gewiß, es gibt noch, es muß noch geben, denn der Ortsdialekt hat durch Generationen hindurch Kehle, Gaumen, Kinnladen nach seinem Bedarf zurechtgemacht, und ein Grevenmacherer z. B. mag ein Menschenalter lang die Welt durchstreifen und alle lebenden Sprachen in seinem Sprachmechanismus heimisch machen, man wird ihn immer an seinem r erkennen.

Das Bedauerliche ist, daß die Leute immer damit anfangen, die hervorragendsten Merkmale ihres Mutterplattes abzustoßen und dann meinen, sie reden schon, wie Luxemburger, die um den Fischmarkt herum geboren sind. Erst gestern sprach ich mit einer reitzenden jungen Frau aus Diekirch und ärgerte mich insgeheim, daß sie immer sagte: Ech hu gehe’ert. Wenn man von Diekirch ist, so ist man es seiner Heimat schuldig, daß man sich zu ihr bekennt und sagt: Ech hu gehi’ert. Warum diese sonderbare Camouflage? Warum will man, wenn man aus Diekirch stammt, auf einmal nicht mehr aus Diekirch stammen! Mit einem Umlaut in der Endung des Infinitiv oder Partizip führt man ja doch niemand hinter’s Licht, man verrät sich immer durch die Imponderabilien der Lautbildung.

Ich meine, es ist der alte verdammte Herdeninstinkt. Man gerät aus einer Herde in die andre und will nicht mehr der einen, sondern der andern angehören. Darum fügt man sich ein.

Aber das vollzieht sich nicht so, daß die andre Herde die neuen Ankömmlinge einfach schluckt. Diese rächen sich für die Assimilierung dadurch, daß sie von ihrem Mitgebrachten der neuen Umgebung einflößen. Alles geht nach den elementarsten Naturgesetzen vor sich. Wenn der städtische Dialekt das Platt derer von draußen verderbt, so paßt er sich ihm seinerseits unmerklich an. Ein Tröpfchen Farbe, die in einen Eimer Wasser fällt, wird wasserblaß, aber das Wasser färbt sich davon ein ganz klein wenig.

Im Lauf eines Menschenalters sind aus dem städtischen Dialekt unzählige Besonderheiten verschwunden. Nur die ältesten Leute sagen noch „Huen“ und „Kruen“ und nach einer weiteren Generation wird es affektiert klingen, wenn noch einer sagt „Koch“ und „genoch“.

Ist es schade oder ist es ein Glück, daß sich da ein Ausgleich vollzieht, daß statt der vielen Ortsdialekte ein einheitlicher Landesdialekt sich herausbilden will? Ist es schnullenhaftes Provinzlertun, daß ich mir einbilde, es ginge ein wirklicher Nationalkulturwert verloren, wenn die Diekircher einmal nicht mehr „hi’eren“, die Wiltzer nicht mehr „nick“ und die Moselaner nicht mehr „wel’ kre’sche kä me’“ sagen?

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    Katalognummer BW-AK-008-1615