Original

11. März 1920

Auf Spaziergängen komme ich zuweilen durch das obere Petrußtal, den Teil, wo früher die schönen alten Weiden standen, die Fenny d’Huart und Frantz Seimetz gemalt haben, und wo später Josef Heintz van Landewyck das ganze Tal mit seiner Baulust bis an den Rand gefüllt hat.

Seit einiger Zeit nahm dort ein Neubau meine Aufmerksamkeit in Anspruch. Er sah in seinem Werdegang so gar nicht aus, wie andere Neubauten. Das Gebälk im Innern und die Ziegelmauern rundherum machten den Eindruck des Inwendigen, des Ein- geweidehaften. Aber eines schönen Tages kam auch das Auswendige oder besser Außenwändige an die Reihe. Wo andere Mauern errichten aus Stein und Mörtel, wuchsen hier Holzwände empor, aus schönen gelbweißen Tannenborten, an den roten Ziegelwänden hinauf bis ans Dach. Das obere Brett schob sich immer ein wenig über das untere, sodaß sie wie Schuppen sich deckten und dem Regen, der von oben kam, ein Schnippchen schlugen. Zwischen der Holzwand und der inwendigen Ziegelwand blieb ein handbreiter Hohlraum, und es ist anzunehmen, daß diese dreifache Mauer aus Holz, Luft und Ziegeln gegen Hitze und Kälte einen mindestens ebenso wirksamen Schutz gewähren wird, wie eine volle Steinmauer.

Ich sah eines Tages ein Buch von einem skandinavischen Maler, der sein Haus von außen und innen darin geschildert hatte. Und es war auch ein Holzhaus, das irgendwo da droben am Ufer eines Fjord mitten in Blumen und Bäumen lag. Der Maler hat einen sehr bekannten Namen, der mir leider jetzt nicht einfällt. Ich weiß nur, daß er auf dem Titelblatt mit seiner Jüngsten auf der Schulter als glücklicher Hausbesitzer und Familienvater steht und daß ich nie eine so leidenschaftliche Bauwut empfunden habe, wie beim Anblick seines Holzhauses von außen und erst recht von innen.

Daran erinnerte mich das Holzhaus im Petrußtal. Und ich weiß, daß der Architekt, der es für sich baut, es im Innern mit raffinierter Wohnkunst ausbilden wird. Er hat einem Freund von mir draußen in einem Landstädtchen in ein altes Bürgerhaus eine Diele eingebaut, die ein Gedicht ist, also wird er auch für sich sorgen.

Ob ihn sein Holzhaus weniger Geld kosten wird, als ein Steinhaus in denselben Dimensionen, kann ich nicht berechnen. Er muß es wissen. Aber daß es verführerisch wohnlich sein wird, weiß ich schon heute. Wenn die Wohnung ein erweitertes Kleid ist, so ist Holz das Material, aus dem dies Kleid am molligsten zu schneidern ist. Sind nicht die beiden Wohnstätten, in denen wir zuerst und zuletzt unsere Ruhe finden, sind nicht Wiege und Sarg aus Holz? Warum also bauen wir uns keine Holzhäuser, um zeitlebens darin zu wohnen, statt uns mit Mauern aus Stein zu umgeben, die von Haus aus kalt und abstoßend sind, Häuser, die schließlich nichts weiter sind, als über den Boden erhöhte Erdhöhlen?

Aber die Feuersgefahr, sagen sie.

Warum soll ein Holzhaus eher in Brand geraten, als eins aus Stein? Zumal, wenn die Innenmauern aus Ziegelwerk sind? Ich wette sogar, daß bei einem Holzhaus die Brandchancen geringer sind, weil die Bewohner besser aufpassen. Haben wir nicht fünfzig Jahre lang draußen einen Bahnhof von Holz stehen gehabt, und ist es etwa nicht wahr, daß er nur deshalb nicht in Flammen aufgegangen ist, weil er von Holz war? Der treue Josef Junck, der Bahnhofonkel, machte sich eine Ehre daraus, dafür zu sorgen, daß die alte Baracke unversehrt blieb. Wäre sie von Stein gewesen, so wäre all die Liebesmüh wahrscheinlich nicht an sie verschwendet worden.

Also bauen wir uns Holzhäuser, warme, behagliche, mollige Holzhäuser, wie eben eins im Petrußtal ersteht. Mehr als zusammenkartätschen kann sie der nächste Luftkrieg ja doch nicht.

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    Katalognummer BW-AK-008-1616