Original

12. März 1920

Von Zeit zu Zeit geht mir eine Nummer der „Hessischen Freiheitsblätter“ zu. Der Untertitel lautet: „Deutsch-föderalistische Korrespondenz für gleiche Pflichten und Rechte in allen deutschen Landen.“ Das Blatt versicht den Gedanken eines neuen Deutschlands, das nicht einen Einheitsstaat unter praußischer Vorherrschaft, sondern einen Staatenbund darstellen soll, in dem alle Bundesstaaten gleichberechtigt sind, und zwar unter einer starken, von jedem Einzelstaat unabhängigen gemeinsamen Leitung. Deutsch, aber nicht preußisch! heißt die Losung. Solche deutsch-föderalistischen Bestrebungen bestehen in Süddeutschland, in den Rheinlanden (nicht zu verwechseln mit der rheinischen Republik Dr. Dorten’scher Observanz) in Hessen, Hannover, Schleswig-Holstein, und sie werden von Berlin aus und nahezu in der gesamten deutschen Presse hartnäckig bekämpft. Interessant ist in einem Begrüßungstelegramm, das kürzlich Friedrich Wilhelm Foerster an die Leitung der ersten deutschen Föderatisten-Konferenz in Castel, 14. und 15. Februar gerichtet hat, folgender Satz: „Europa’s und Deutschlands Rettung liegt allein in der Vollendung des Völkerbundes. Deutschland kann durch innerpolitische Ausprägung des föderalistischen Prinzips der Weltföderation entscheidend vorarbeiten und dadurch den überzeugendsten Beweis seines ehrlichen Eingehens auf eine neue Ordnung des Völkerlebens geben.“

Das ist es gerade, was die Gegner des deutschen Foedus à la Hessische Freiheitsblätter nicht wollen. Sie wollen ein Aufraffen, ein Erstarken und eine Revanche durch das Deutschland der Vorkriegszeit, das Deutschland Wilhelms und Bismarcks.

Die Hessischen Freiheitsblätter nehmen nun zu Bismarck und seiner Politik Stellung in einem Zitat aus Eugen Dühring, dem bekannten Philosophen und Nationalökonomen, der vor einem Menschenalter durch seinen Krach mit der Berliner Professorenschaft Aufsehen erregte. Dühring schreibt:

„Selbst im Bereich des Militarismus dachte man nicht überall ganz und grundsätzlich inhuman. In der gesamten Nation galt es als selbstverständlich, daß Kriege, zumal Eroberungskriege und insbesondere solche zwischen deutschen Völkern, nach Kräften verhindert werden müßten. Da kam dieser Bismarck und wärmte das alte Raub- und Vergewaltigungssystem auch außen und im Innern wieder auf, ließ frech die Parolen vom Humanitätsdusel u. dgl. verbreiten, dergestalt, daß auch nicht die blasseste Spur von Rechtsgedanken mehr übrig blieb. Es war, als wenn atavistische Brutalität und ein Rückfall in die eigentliche Raubjunkerzeit drinnen und draußen platzgegriffen hätte. Es war eine Art Auferstehung der Bestie, die sich sonst schon nicht mehr sonderlich hatte regen dürfen. Diese Bestie stammte eben aus dem Privatcharakter des Varziner Junkers, der ihre Rolle mit seinen zweihundertvierzig Pfund Fleischund Knochengewicht gerade so unwillkürlich spielte, wie ihm vermöge seiner Narrheit nach einem Autodasé aller Bücher der Welt gelüstete.

Wie die Zustände so einen auf die Oberfläche bringen konnten, ist eine andere und bloße Nebenfrage. Friedrich Wilhelm IV. hatte er noch zu sehr nach Blut gerochen; aber dessen Nachfolgers bemächtigte er sich gelegentlich des parlamentarischen Militärkonflikts. Das war kein sonderlich schweres Stückchen; nur weibliche Einflüsse waren aufzuwiegen und an die Offiziersqualität und an die Art von Bewußtfein zu appelieren, die schon beim Unteroffizier vorhanden.

Doch von diesen Künsten, die der Kürassierstiefel Bismarck anwendete, um sich geltend und notwendig zu machen, nur ganz nebenbei. Behalten wir dafür lieber jene siebzig Prozent seiner politischen Laufbahn im Auge. auf die es unmittelbar ankommt. Zunächst brachte ihm der schleswig-holsteinische Zufall eine Gelegenheit zum Kriege. Er verleitete Österreich zum Mitmachen in seinem Sinne und prellte es dann. Als es sich die Prellerei nicht wollte gefallen lassen, erlag es nicht Bismarck, sondern den preußischen Waffen. Jener wollte sich dann mit ihm wieder schönstens vertragen, um den Norddeutschen Bund zusammenzuflicken.

Der Pariser Louis, dem der Junker mancherlei abgeguckt hatte, um der Bestie in sich moderne Tätzchen zuzulegen, wurde auch geprellt. Der Krieg von 1870 war eine Bismärckische Provokation. Die eitle Bestie hat die Emser Depeschenfälschung schließlich noch gar selbst in ihrem Übermut bestienhaft eingestanden. Nachdem es einmal zu dem Kriege gekommen, war allerdings die Annexion der beiden französischen Provinzen eine militärische Notwendigkeit. Sie ist aber nichtsdestoweniger unheilschwanger geblieben und hat die Kolossalausdehnung des Militarismus zuerst verschuldet.

Wozu überhaupt diese ganze Kriegsära? Wozu die Wiederbetretung des Weges der Bestien? Ohne sie hätten sich die Dinge weit besser gestalten lassen. Eine definitive Einigung Deutschlands wäre ohne die Fortsetzung des alten Räubersystems möglich gewesen.“

Und der Krieg 1914-1918 hätte nie die Menschheit geschändet.

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    Katalognummer BW-AK-008-1617