Als ich gestern über den Wilhelmsplatz ging, waren zwei Buben am Raufen. Ein Gang war schon vorüber. Die zwei Kämpfer standen neven einander, die Schultern gegeneinander gestemmt, in drohender Haltung und sich mit ironisch herausfordernden Ausdrücken anspritzend, in denen der Körperteil stark betont war, den sie als Ziel ihrer Püffe hauptsächlich in’s Auge gefaßt hatten.
Raufende Buben haben mich immer stark interessiert. Das Kind ist des Mannes Vater. Man kann bei rausenden Buben ebenso gut Charakterstudien am Individuum machen, wie bei Weltkriegen an Völkern und Rassen.
Ich ließ die Beiden also nicht aus dem Auge. Da ich es indes eilig hatte, wollte ich mich nicht aufhalten und ging im selben Tempo weiter. Dabei mußte ich, je weiter ich ging, den Kopf immer mehr nach rückwärts drehen....
„Leicht bei einander wohnen die Gedanken.Doch hart im Raume stoßen sich die Sachen.“Ich hatte es zu spät bedacht.
Von den zwei Sachen, die sich plötzlich hart im Raume stießen war die eine mein Kopf, die andre ein dicker Lindenbaum.
Bist du schon einmal unversahens mit dem Kopf an einen Baum gerannt? Es braucht nicht unbedingt ein Lindenbaum zu sein.
Versuche es, es ist eine Empfindung ganz besonderer Art. Die Welt, die eben noch groß und sonnbeschienen und voll des Interessanten war, ist auf einmal ganz klein, etwa ein Quadratfuß dunkelfarbiger, grobborkiger Baumrinde - meine Linde war außerdem am Stamm schwarz geteert - die ganze Welt ist im Nu weiter nichts mehr, als eine schmerzlich intensive, brennende Angelegenheit zwischen dir und diesem handgroßen, harten, brutalen, feindlichen, hämischen Stück Baumrinde, das dumm, blödsinnig da steht und sagt: Ich bin härter, als du, wenn du es nicht weißt, mußt du es fühlen. Bums! Schneide nicht so ein dummes Gesicht und geh lieber weiter, ohne viel Aussehen zu machen. Setz deinen Hut gerade, rauche deine Zigarre weiter, ganz als ob sie vorne nicht zur Pilzform zerdrückt wäre, verbeiße das Brennen an deinen zerschundenen Fingern und tue, als ob es dir durchaus geläufig sei, mit dem Kopf an Bäume zu rennen, denn wenn du jetzt auch noch ein dummes Gesicht machst, lachen die Leute, die dir zugesehen haben, noch viel unbändiger.
Also ging ich weiter, als ob nichts geschehen wäre. Ich erzählte einem phantasiebegabten Bekannten mein Erlebnis, und er spann es gleich weiter aus.
„Sie haben noch Glück gehabt“, sagte er. „Malen Sie Sich aus, statt des Baumes wäre da z. B. ein tiefer Brunnen gewesen, in den sie pardautz hineingefallen wären.“
„Ich danke!“ sagte ich. „Warum nicht lieber eine hübsche junge Dame!“
Aber diese Andeutung des immerhin möglichen Brunnens wurmte mich. Es überkam mich, wie den Reiter am Bodensee, der tot vom Roß fiel, als er hörte, daß er über den zugefrorenen Soe geritten war. Nachts träumte ich, ich läge unten im Brunnen, und ich brauchte gut eine halbe Stunde, bis ich an der Mauer emporgeklettert war und schweißbedeckt erwachte.
Ich sagte vorhin, daß Buben beim Raufen ihren Charakter offenbaren. Heute weiß ich, daß nichts so sehr geeignet ist, einen Menschen zur plötzlichen Offenbarung seiner innersten Charakteranlagen zu bringen, wie das Zusammenrennen mit einem Baum.
Von Herrn Regierungsrat Henrion selig wurde erzählt, er sei einmal im Dunkeln wider einen Laternenpfosten gelaufen. Da habe er an den Hut gegriffen und gesagt: „Oh, pardong!“
Wenn ich mich gut erinnere, habe ich in dem Augenblick, wo ich an den schwarz geteerten Lindenstamm rannte, meine Gefühle in ein Wort gekleidet, das mit einem französischen M anfängt.
Ich schließe daraus, daß ich im Grund meines Wesens sehr wenig höflich veranlagt bin. Denn der Baum hätte ebenso gut ein Laternenpfahl sein können.
Vielleicht bringe ich es soweit, daß ich eines Tages, wenn ich wieder mit einem Baum oder sonst einem Tölpel zusammenstoße, an den Hut greife und „oh pardong!“ sage. Aber ich fürchte, die Aussichten sind schlecht.