Der Zufall hat vor mir auf dem Tisch zwei Bilder zusammengeweht, die zu allerhand Vergleichen herausfordern: Perikles und Helfferich.
Was mir auf den ersten Blick wie eine Offenbarung auffiel, war der Unterschied in den Mündern der beiden. Perikles hat die dicken, behaglich vorquellenden Lippen des Menschen, der nicht gewohnt und gezwungen ist, sich zusammenzunehmen, Helfferich statt des Mundes den schmalen Spalt, der wie mit dem Messer quer unter die Nase geschnitten ist und den der Besitzer verheimlichen zu wollen scheint, wie man eine Waffe verbirgt.
Wasse? Es ist wie der Unterschied zwischen dem alten biedermaierlichen Cewehr mit dem runden Bleigeschoß, und dem Kleinkalibrigen von heute. Wie Fausthieb gegen Blitzschlag.
Damit will ich beileibe nichts für Helffer ich und gegen Perikles gesagt haben. Im Gegenteil. Bei dem großen Griechen ist es gerade die schöne, reiche Unbewußtheit, die anzieht, während bei dem minder großen Deutschen die pedantische Angespanntheit, die wieselhafte, insinuante Spitzfindigkeit abstößt und mißtrauisch macht. Bei dem einen fließt alles aus einem sonnenhaften, reichen Naturell, voll gesunder, gutmütiger Sinnlichkeit. bei dem andern ist alles inifflich zusammengeknausert.
Das steht alles auf den Lippen der beiden geschrieben.
Der Mund war ja ursprünglich eine Hauptwaffe unserer Urvorfahren. Organ des Angriffs, der Verteidigung, und der Selbsterhaltung, des Genusses. In einer Umwelt und bei einer Charakteranlage, wo das Höhere im Menschen die Bestie zurückgedrängt hat, verliert der Mund alles Aggressive und wird rein zum Organ des Genusses. Des niederen Genusses an Speise und Trank und der transzendenteren Lust @m Küssen und am Bilden edler. klangvoller Worte.
Der Mund ist eine offene Pforte nach unserm Innern. Die Lippen sind eine Fortsetzung der zarteren Binnenhaut. Je mehr einer geneigt ist, von seinem Innern arglos zu offenbaren oder mit empfangsfrohen Papillen Eindrücke von außen zu empfangen. desto mehr gibt er auf seinen Lippen von ihrer inwendigen Fortsetzung preis. Die Schmallippigen sind die, die sich des Genusses schämen und ihr Inneres kalt verschließen. Amerika, das die Quäker gezüchtet hat, ist auch die Heimat des dünnlippigen Asketenmundes. Auch bei Bauern, die im Kampf gegen die Elemente sich verhärtet haben, bei spanischen Stierkämpfern, bei manchen Pädagogen ist dieser Mund häufig anzutreffen.
Der Dünnlippige ist nicht weniger sinnlich, als der Mann mit dem Mund des Perikles. Nur daß er sich mit seinen Lüsten verkriecht und sie bei ihm leicht in Grausamkeit umstehen.
Es gibt in Amerika auch den andern. den flott geschürzten englischen Mund, den die Zeichner den verführerischen, schöngewachsenen Romanhelden verleihen. Es ist ein Mund, der zugleich schöne Sinnlichkeit und heitere Energie verrät. Keine Energie, die sich mit aufgeschürzten Hemdärmeln in die Haustüre stellt, sondern Mut, der in der Nasse als etwas Selbstverständliches da ist. Ich brauche mir nur diesen Mund vorzustellen, um sofort das Bild eines Schulkameraden englischer Abkunft vor mir zu sehen, der als Reiteroffizier im Krieg gegen die Buren gefallen ist.
Während ich dies unter der Anregung des m@rl@würdigen Paares Perikles-Helsserich schreibe drängt sich aus dem Hintergrund ein Dritter auf: Erzberger.
„Sieh mich an“, sagt er, „habe ich nicht auch einen Periklesmund?“
„Das Quantum haben Sie.“ erwidere ich. „Aber: Quantum mutatus ab illo!“
Zwischen diesen beiden: dem Munde des Perikles und dem des Hrn. Erzberger, ist ein noch viel größerer Unterschied, als zwischen den Lippen des Griechen und denen des Hrn. Helfferich. Es ist derselbe Unterschied, wie zwischen Adel und Gemeinheit, zwischen Feinschmecker und Schmatzonkel, zwischen oben und unten, zwischen dem perikleischen Zeitalter und der Aera Erzberger.