Original

17. März 1920

In Brüssel ist dieser Tage ein junger Luxemburger gestorben. Er war aus Rippig und hieß Hary Willems. Außerdem war er einer der Helden, die in dem letzten Krieg ihre Haut für eine gute Sache zu Markt getragen haben. Er tat es freiwillig, in der Begeisterung seiner Jünglings-, fast noch Knabenjahre.

Beim Ausbruch des Krieges befand sich Hary Willems, der kurz vorher noch das Gymnasium in Diekirch besucht hatte, in Frankreich. Als einer der ersten Luxemburger trat er als Freiwilliger in die belgische Armee, wurde nach sechs Monaten Sergeant und kurz nachher Unteroffizier. Er blieb den ganzen Krieg hindurch bei den belgischen Fahnen und fand nach dem Waffenstillstand Verwendung im belgischen Postdienst im besetzten deutschen Gebiet. Kürzlich mußte er wogen Krankheit einen Urlaub nahmen, den er bei seinem Bruder Hrn. Michel Willems in Brüssel verbrachte. (Seine Eltern hatte er schon früh verloren.) Sein Übel, das durch Nachwirkung von Gasvergiftungen aus dem Krieg veranlaßt war, verschlimmerte sich, und wie so viele andre schon wurde Hary Willems ein nachträgliches Opfer des großen Mordens.

Während seiner Krankheit ließ sich König Albert wiederholt nach seinem Befinden erkundigen und überreichte ihm das Kriegskreuz mit Palme.

Heute morgen wird Harn Willems in Bettendorf, wo eine Schwester von ihm wohnt, begraben. Auf stillem heimatlichem Friedhof endet das Leben dieses Ärmsten, der voller Hoffnung, voller Ideale, voller Begeisterung hinausging, durch Blut und Feuer einen Bogen watete und sich am Ende seiner Laufbahn auf dem Bett eines Brüsseler Militärlazaretts wiederfand.

Seine Kameraden genießen den Lohn ihrer Mühen. Sie gehen aufrecht im Sonnenschein des Lebens, das Kreuz der Tapfern auf der Brust, und Türen und Herzen tun sich vor ihnen auf.

Aber sie sind es, die die Keime neuer Kriege streuen helfen. Sie mögen tausendmal vom Graus der Schlachten erzählen, die Phantasie der Jüngeren, die die Heere von morgen sein werden, fliegt über Gräben und Gräber und wiegt sich auf den Lorbeerkränzen der Sieger, derer, die es glücklich überstanden haben, die sie glühend beneiden und denen sie es nachmachen wollen. Sie denken nicht an die Drahtverhaue, in denen Verwundete unter dem Feuer der eigenen Leute verzappeln, nicht an die morastigen Schützengräben, in denen den Armen die Glieder abfrieren, nicht an die perfiden, feigen Gaswolken, die den Todeskeim in’s Blut tragen - nicht an den brodelnden Abgrund von Entsetzen, nur an das glorreiche Jenseits.

Der tote Hary Willems predigt gegen den Abgrund und das glorreiche Jenseits zugleich.

Denn wie er sind taufende, die mit heilen Gliedern über die Schwelle des Friedens schritten, im Innern dem Tode geweiht. Seelisch noch unendlich viel mehr, als körperlich. Denn die Menschheit ist vergast mit Wahnsinn, auch die, die nicht im Krieg waren, haben das Gift im Blut. Und wenn nicht bald die Genesung kommt, geht Europa, das mit wunderbarer Sprungkraft und Vitalität den Krieg aushielt, solange er dauerte, nach Jahr und Tag daran zugrund, nicht mehr und nicht weniger, als ein armer kleiner belgischer Unteroffizier, der anderthalb Jahre nach dem Waffenstillstand an den Nachwirkungen seiner Gasvergiftung stirbt.

Ich bewundre die Jungen, die jetzt schon die Hände nach den Waffen ausstrecken, um es ihren Vorgängern gleichzutun. Wir alle täten dasselbe, zweifellos. Ich wollte ihrem Heldendrang keineswegs ein Bein stellen: Ich wollte nur die Wahrheit sagen.

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    Katalognummer BW-AK-008-1621