Original

18. März 1920

Ich sprach mit einem jungen Freund über Expressionismus.

Wir redeten lang und gründlich, der eine nach Südosten, der andre nach Nordwesten. Es heißt miteinander reden und sollte heißen auseinander reden.

Einmal sprach ich davon. daß die Expressionisten mit den Mitteln des Wortes, der Zeichnung und Malerei Dinge zum Ausdruck zu bringen suchen, die bisber in Worten und Bildern nicht ausgedrückt zu werden pflegten, Gedanken, Stimmungen, Leidenschaften in einem Stadium, in dem sie noch so unbestimmt, vielfältig, deutungsfähig sind, daß jede bestimmte Fassung sie verkleinern würde, wie der Meißel den Marmorblock.

Da warf er sich auf das Wort „Mittel“, leidenschaftlich, empört.

„Mit@! Mittel!“ rief er und redete sich in gerechten Zorn. „Immer die Mittel! Darüber werde ich ein alter Mann, bis ich die Mittel habe, bis ich mit Hilfe der verfluchten Mittel mein Leben genießen kann!“

Er ist ein viel zu anständiger Mensch, als daß es ihm in den Sinn käme, seines Nächsten Geld und Gut zu begehren, um das Leben genießen zu können.

Ich suche noch heute nach einer Deutung seiner zornigen Worte. Denn ich meine, wenn ich ihn verstehe, verstehe ich alle, die ungestüm nachdrängen, die Besitzergreifer von morgen.

Vielleicht meinte er es so: Unsre Kultur hat sich überstanden. Sie ist eine Angelegenheit der wenigen, allzu wenigen geworden. Der Genuß ist so verseinert, daß man das Genießen lernen muß, wie man Klavier oder wie man Sanskrit lernt. Folglich müssen in noch viel höherem Maße die Kulturgüterproduzenten sich die Produktionsmittel zu eigen machen, ihr halbes Leben darauf verwenden, bis sie die Mittel in die Hand bekommen. Demokratisieren wir die Kultur. Wer Talent hat, soll unbekümmert um die hergebrachten Kunstmittel vermöge seines Talentes schassen. So setzen wir eine Wiedergeburt der Kultur in’s Werk. Aus Nachbetern und Wiederkäuern werden wir wieder Schaffende, Primäre. Wir stellen unser Leben nicht mehr auf ein grades und ebenes Geleise, das Jahrtausende gelegt haben, wir schwersen bergauf bergab und querfeldein und ein Juchzer von uns sagt mehr als ein Band Gedankenlyrik.

Vielleicht meinte er es so, vielleicht auch nicht. Die Jungen machen es uns schwer. Verstehen Sie zum Beispiel, was jemand, der sich Ass Sl Aureo l’Issima nennt, im Dezemberheft 1919 der „Sichel“ (Verlag „Die Sichel“ in Regensburg) schreibt:

?Im Anfange war das Wort. Und das Wort war bei Gott. Und Gott war das Wort.?

„In irgend einer fernen Zukunft wird es eine Sprache ... zunächst als ... dann als .... so gewiß ... einmal Lustfahrt ...“ Also schrift Nietzsche.

Erfüllung, die so überwältigend Annonce - siehe ich sende vorher Verkündiger seiner Gesichte - sei über seine Verkündigung.

Gott’s? da ging aus meinem Munde hervor - Flügel-Flügelrer Gans’s? Wie Leiche haftet Mund je göttlicher Schrift je In Völkerzerfraäß erleuchtet Menschesmund aber und es war ja von Kind auf Mein Bruch Blut poch mit Fausten an Schwertrer @onen Agonien Gekinnbackt Tödes Vielzersprachte Antlitze Vergänsung weltall schlachte Ich escelsissime einfach und tranke Blut Auf bis Allglorienschein.

Sag Nein. Mein sage Ja. Dein sage Ja: die Stunde, da du am meisten littest, die Stunde, da du am meisten liebtest. Sei da Schmerz, sei da Freude, sei da Wundern. Wir offnen Mundes Unzureichende verloren. Wie plötzlich.

O Neugelaute untermischt - O Atmen.

Entschwebte.

Der du dies liest, vielleicht, daß es sei, zwei Antlitze über Weltenuntergänge sehen sich an.“

Der Mann, der dies schrieb, könnte zweifellos auch im Styl einer Novelle von Heyse schreiben, so gut wie seine Freunde, die expressionistischen Maler, auch geleckte Stilleben mit Trauben, Hummern, halbgeschälten Apfelsinen und einer bastumflochtenen Flasche Chianti malen könnten.

Wenn er es nicht tut, muß er sehr triftige und sehr innerliche Gründe dafür haben.

Statt ihn auszukachen, tun wir also besser, ihn und Seinesgleichen daraufhin anzusehen, was sie wollen und in welchem Maße ihnen das Gewollte gelingt.

Eine Frozzelei kann es nicht sein, denn er schreibt genau, wie seine Freunde zeichnen und malen, und die wollen furchtbar ernst genommen sein.

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    Katalognummer BW-AK-008-1622