Original

21. März 1920

Ich weiß nicht, ob Herr Schliep selig das Wort Briefträger aus dem Keltischen oder dem Sanskrit abgeleitet hätte: Ich bin der unmaßgeblichen Meinung, daß es von Briefe tragen kommt. Wie Packträger von Päcke tragen stammt.

So wenig ein Pack oder Paket ein Brief ist, so wenig ist ein Briefträger ein Packträger.

Mein Briefträger würde es als eine Beleidigung auffassen, wenn man ihn Packträger näannte, und mit Recht. Obgleich ein Packträger auch ein durchaus ehrenhafter Mann und Steuerzahler ist. Aber an der Tatsache ist nichts zu ändern, daß kein Briefträger sich gerne Pakträger nennen ließe.

Die Postverwaltung treibt es indes noch viel schlimmer. Sie gibt ihren Briefträgern nicht den andern Namen, aber sie zwingt sie dazu, aus Briefträgern Packträger zu werden.

Seit einiger Zeit fällt es auf, daß um die Stunden, wo diese Verkehrsbienen ihrem Stock entschwärmen und nach allen Stadtrichtungen ausstrahlen, weit hintenüber gebeugte Gestalten durch die Straßen keuchen. Die riesige Ledertasche, die ihnen den Magen quetscht, quillt über von Paketen und Paketchen, sie sind lang, breit. dick. dünn, viereckig und rund, sie stehen nach allen Seiten vor, wie die Facetten und Spitzen an einem Kristallknoten. Dem armen Träger rollen Schweißtropfen unter seinem neuen französischen Käpi vor. Sein Frühstück oder Mittagessen wird unter der Last zerwalkt und platt gedrückt. Und man hat den Eindruck, daß der Ärmste noch lang nicht alles aufladen konnte, daß ganze Stapel von runden und viereckigen, langen und breiten, dicken und dünnen Paketen noch in den Regalen liegen und auf Bestellung warten.

Früher war das doch nicht. Wenn früher ein Briefträger überladen war, konnte es nur der Analytische oder ein Wahlzirkular sein. Seit einiger Zeit sind es Pakete.

Nämlich: die Kaufleute wollen nichts mehr per Bahn beziehen, weil soviel unterwegs gestohlen wird. (Es braucht nicht einmal Speck zu sein). Sie lassen sich alles durch die Post schicken. Sie werden sehen, nächstens müssen unsre Briefträger noch Dynamos, Mannesmannröhren und Spiegelscheiben in ihren Taschen zu den Bestellern schleppen.

Also weil unehrliche Menschen an den Eisenbahnen entlang sich zu schaffen machen, müssen unsre Briefträger unter der Hand umsatteln und aus Beamten, die zuzeiten schon hinreichend geplagt sind, zu Lasttieren werden.

Das trifft besonders auf die Bestellbezirke der Innenstadt und des Bahnhofviertels zu, wo die meisten Kaufleute wohnen.

Hat der Herr Postdirektor noch nicht daran gedacht, den neuen Verhältnissen durch eine neue Einrichtung gerecht zu werden? Als Laie in Postdingen weiß ich natürlich nicht, wie es zu machen wäre. Aber Leute, die besser Bescheid wissen, reden davon, daß die Bestellung dieser massenhaften Pakete eigentlich per Axe geschehen müßte. Der Herr Postdirektor hat immer den Briefträgern großes Wohlwollen entgegengabracht. Vielleicht stellt er sich vor, wie ihm zumut wäre, wenn man ihn zwänge, auf sämtliche Telegraphenstangen des Landes reihum hinaufzuklettern, was offenbar nicht zu seinem Dienst gehört.

Ebenso wenig gehört es zum Dienst der Briefträger, daß sie normalerweise und massenhaft Pakere schleppen müssen, statt Briefe zu tragen.

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    Katalognummer BW-AK-008-1625