Vom Berliner Putsch wird es allmählich stille und wird es nun wohl auf lange Zeit stille bleiben. Ein Gift, das im preußischen Volkskörper steckte, hat sich herausgegoren.
Der Putsch, als rein innerpreußische Angelegenheit zunächst, mußte kommen. Wer die verbissene Zähigkeit des Rassepreußen kennt, wußte bestimmt, daß nach Friedensschluß irgendwo in der Mark Brandenburg der Versuch gemacht werden mußte, das alte Regime wieder durchzusetzen. Es wurde nicht gesagt, daß es auch auf die Wiederherstellung der Monarchie, speziell der Hohenzollerndynastie abgesehen war, aber eins ging nicht gut ohne das andere. Mit dem Einsiedler von Amerongen freilich wäre bei der neuen preußischen Armee nicht mehr viel Staat zu machen gewesen, seit in Offizierskreisen seine Flucht nach Holland als Feigheit bewertet wird, aber am alten Stamm fehlt es nicht an jungen Reifern, man hatte nur die Wahl, welches auf den neu errichteten Thron gepfropft werden sollte.
Altpreußischer Militarismus wäre nicht gut denkbar ohne eine Monarchie, aus der er hervorgegangen und die seine Krönung ist. Den Massen geht das Vaterlandsideal am leichtesten ein, wenn es sich in einem gekrönten Haupt verkörpert. Aber - „der König absolut, wenn er uns den Willen tut“. Der neue Preußenkönig wäre, genau wie der alte, der Gefangene der Militärfreimaurerei geworden.
Man kann Europa demnach Glück dazu wünschen, daß das Kapp-Abenteuer im Sande verlaufen ist. Bedenklich ist nur, daß der Staatsstreich nicht von der derzeitigen rechtmäßigen Macht im Staat pariert, sondern daß das eine Extrem durch das andere totgemacht wurde. Nicht das demokratische Deutschland, wie viele Blätter mit Genugtuung feststellen zu sollen glaubten, hat das Gift aus sich heraus destilliert, es wich hauptsächlich dem Gegengift Bolschewismus.
Das Volk in Waffen, auf das die deutschen Patrioten einst so stolz waren, hat sich diesmal für allerhand blutig gerächt. In dem verindustrialisierten Deutschland muß man sich heute unter dem Volk in Waffen fast ausschließlich die bewaffneten Arbeitermassen vorstellen, die vom Krieg her nicht nur die Waffen, sondern auch die Munition einschließlich Bomben und Granaten in der Hand behalten haben. Zwischen den Fanatikern von rechts und denen von links erscheint auf einmal das, was man sich früher als das eigentliche deutsche Volk zu denken pflegte, als eine passive, entschlußlose Masse, über deren Rücken hinweg die Extreme auf einander losgehen. Es ist die friedliebende, nach Ordnung im Staat jammernde, arbeitswillige, handeltreibende, intellektuelle Einwohnerschaft, es sind die Beamten, Kaufleute, Rentner, Professoren, Bauern, Ärzte, Advokaten usw. - soweit sie eben nicht schon nach ganz links oder ganz rechts eingeschworen sind. Die möchten heute am liebsten keine Geschichten und keine Geschichte machen. Aber wenn man richtig zusieht, sind sie in der Minderzahl, wonicht quantitativ, so doch qualitativ. Die Gegenwart gehört dem, der dreinschlägt und zugreift. Wenn neu gebaut wird, zählen nur die mit, die Steine zum Bau tragen, nicht die, die dem alten Haus nachtrauern und nicht aus ihren Zelten herauswollen, bis das neue fertig ist.
Das deutsche Bürgertum hat bei dem militaristischen Putsch von Berlin, der ihm die Vorkriegsgröße Deutschlands wiederschenken wollte. nicht existiert, nicht bejahend und nicht verneinend. Denn wer sich ruhig aufs Abwarten beschränkt, kommt nicht in Betracht.