Es war einmal!
Gewöhnlich gehören zu dieser elegischen Feststellung Anknüpfungspunkte unzweifelhaft poetischer Wusenheit: Verwelkte Veilchensträuße, vergilbte Liebesbriefe, Tanzstundenandenken, wie ein Handschuh, ein Cotillonorden, ein seidenes Strumpfband gar.
Selten ein Rucksack.
Nun wohl, bei mir war es diesmal ein Rucksack.
Als ich den Schrank aufmachte, fiel mir daraus mein alter Rucksack vor die Füße.
Ich muß gleich vorausschicken, daß es sich nicht um einen gewöhnlichen Rucksack handelt. Dieser ist seelisch sozusagen ein Stück von mir. Er ist es durch die innige Berührung geworden, in der wir beide so oft und lang zusammen lebten, und er ist es geworden durch die Treue, die er mir stets gehalten hat. Er war in meinem Leben zur Zeit, wo das Glück mit mir ging und er hat mich auch seither nicht verlassen. Wenn ich ihn ansehe, ist mir, als hörte ich ihn sagen: Du und ich!
Er war mit mir überall, wo es schön war, wo ich froh war zum Jauchzen, wo ich fang: Ich wollt’ mir wüchsen Flügel!
Auf den Bergen, von denen man die Welt liegen sieht, als wäre darin lauter Schönheit und Ordnung und Friede, als wären die Menschen alle Brüder und Schwestern, auf den grünen und blauen Seen, in denen sich die Gletscher spiegeln und die weißen Villen und die Frauen, die auf hellen Parkwegen am Ufer lustwandeln und den Schiffen mit schlanken Händen zuwinken, wie man Wolken und Vögeln winkt. In den rauschenden Städten, in denen das Leben überall nach dem Höchsten giert - auch da war er mit, aber er verbarg sich, um das Bild nicht zu verschandeln, und kam erst hervor, wenn es wieder an’s fröhliche Wandern ging.
Da liegt er, wie ein treuer Hund, der sich einem zu Füßen kuscht und einen mit seinen treuen braunen Augen ansieht. Auf dem graugrünen, verschossenen Tuch klebt noch ein vergilter, abgeschabter Papierfetzen, auf dem man die Buchstaben ano lesen kann. Das war. als wir damals von Lugano wegfuhren und den dick geschwollenen Rucksack als Passagiergut aufgegeben hatten. Lugano! Der See, die Fahrt, die versteckten Nester am Ufer, wo man für fünf Lire am Tag wie in einem Traum leben konnte, nachts die Scheinwerfer der Zollwächter ...
Und da, wo der Riemen angenäht ist, der geflickte Riß im Tuch, und der dunkle Fleck, und der fremde Knopf - alles Andenken an Stunden, die jenseits liegen, im Sonnenland. Weißt du noch, du altes treues Ding, wie sie dich einmal bei einem Picknick im Grünewald gestohlen hatten, so ein Scheerenschleiserpaar, und wie ich dich unter der Schürze der Frau entdeckte und die beiden totgeschlagen hätte, wenn sie dich nicht herausgegeben hätten! Wieso denn? Man läßt sich doch nicht so mir nichts die nichts ein Stück seines Glücks stehlen! Die Leute konn- ten nicht begreifen, wie man sich wegen eines armseligen Rucksackes so aufregen mochte.
Das war die Poesie. Und dann kam die Prosa des Kriegs. Es war, als sei der Rucksack aus einem Freund zu einem Knecht geworden. Er hatte sich proletarisiert. Früher trug ihn der Wandrer, der Jäger, der Bergsteiger. Jetzt trug ihn der Hamster. Seine Funktion war aus einer edeln eine gemeine geworden. Sage mir, mit wem du umgehst ... Früher war man mit der Sonne ausgezogen, der Freiheit entgegen, im Rucksack alles, was einen von dem Rauch und Qualm der Stadt unabhängig machte, und die Leute sagten: Sie gehen in den Wald, die Glücklichen!
Jetzt schlich man scheuen Blicks an den Zug, unsicher, ob nicht am Abend ein Gendarm den Speck oder das Mehl oder die Erbsen beschlagnahmen würde, die man auf Bittgängen von Dorf zu Dorf für schweres Geld ergattert hatte - wenn man nicht irgendwo gute Freunde sitzen hatte, bei denen man immer seiner Sache sicher war. Und die einen ausziehen sahen, sagten verächtlich: Er geht hamstern! Und auf der Heimfahrt faßten sie einem spöttisch an den gefüllten Rucksack und rieten, was er wohl enthielt.
Da liegt er, und würde, wenn er Augen hätte und reden könnte, mich traurig anblicken und fragen: „Wird es denn nicht mehr, wie es früher war? Nie mehr?“
Und ich müßte sagen: „Nein, mein lieber alter Rucksack, ich fürchte, mit dem schönen „früher“ ist es endgiltig vorbei. Die Völker haben sich zu tiefe Wunden geschlagen und es ist zuviel Haß in der Welt, von Volk zu Volk, von Klasse zu Klasse, von Mensch zu Mensch.“
„Aber wir zwei beide?“ würde er fragen.
„Ach, wir zwei beide. Ich packe die Rester in dich hinein und schnalle dich über und wandre und wandre .....“