Buchdruckerkunst - Kino.
Sie zucken die Achseln, da ich die beiden in einem Atem nenne.
Sie haben Unrecht. Seit Gutenberg ist keine Erfindung gemacht, die so frei und weit den Weg der Ideen in die Massen geöffnet hätte, wie das Kino.
Leider ist es falsch gestartet worden.
Was wäre geworden, wenn findige Geschäftsleute das. Geschenk des Johannes Gensfleisch von Sorgenloch, genannt Gutenberg, für die Schundliteratur ausgeschlachtet, wenn sie mit den ersten Lettern Räuberromane hergestellt und zu Hunderttausenden in’s Volk geworfen hätten? Statt dessen wissen wir von Bibeln, die aus den ersten Druckereiwerkstätten hervorgingen, von einem Psalter, von andern frommen und gelehrten Werken, in deren Dienst sich die neue Erfindung stellte. Die Buchdruckerkunst war von ihren ersten Anfängen an eine Angelegenheit der Gebildeten und Gelehrten, sie wirkte von oben herunter und breitete ihren Segen immer weiter in die Massen aus.
Mit dem Kino geht es umgekehrt. War es Prüderie, Unverstand, Hochnäsigkeit - die gebildete Welt zuckte über die ersten Kinotheater die Achseln. Sie erkannte die ungeheuern, unausgedachten Bildungsund Propagandamöglichkeiten dieses wunderbaren Werkzeuges nicht. Sie ließ es unverzeihlicher Weise zu einer Angelegenheit der gewinnsüchtigen Unternehmer und des sensationsbedürftigen Publikums werden. Das ist es: Statt eine Sache des Volkes, ist das Kino eine Sache des Publikums geworden.
Daran sind, ich wiederhole es, die wirklichen und sogenannten Gebildeten schuld. Sie fanden es vornehm, zu sagen: „Was: In’s Kino gehen? Das muten Sie mir zu? In’s Kino gehen doch nur Waschfrauen, Vorstadtkinder, Kettenhändler und junge Leute, die mit ihren Mädchen im Dunkeln sitzen wollen! Ich warte, bis ich nach Paris und Brüssel komme und gehe lieber in ein gutes Theater. Ich schwärme für Oper und klassische Tragödie! Aber Kino, ich bitte Sie!“
So war das Kino von vornherein als Spielerei verschrien, und es kam, was kommen mußte. Ein Wunder, wie dies, liegt heutzutage nicht lange auf dem Markt, ohne daß die Spekulation darnach greift. Im Nu hatte sich das Geschäft des Kino bemächtigt Ein schwacher Versuch wurde mit wirklichen Mimodramen gemacht, die literarischen und künstlerischen Wert haben konnten. Auch die Naturaufnahmen lagen im Rahmen einer wohltätigen Wirkung des neuen Kulturinstruments. Aber die abschüssige Bahn, aus die das Kino von vornherein durch die Teilnahmlosigkeit der berufensten Kulturträger - zum dritten Mal sei es festgestellt - geraten war, führte naturnotwendig in die Niederungen der Schundproduktionen, in denen mit Revolver- und Gespensterromantik, übelster Sentimentalität, Bordellabenteurertum und ähnlichen Herrlichkeiten bald so, bald so herum von den Herrn Regisseuren die Stücke zusammengeschustert wurden, die sich als die zugkräftigsten erwiesen. Die Psylanderei, diese Mischung von Pomade, Pfeffer und grauer Salbe, feierte Orgien. Zum Glück wurde zwischendurch auch auf den besseren Geschmack spekuliert, mit Prachtfilms, in denen schön gewachsene Menschen beiderlei Geschlechts bekannte geschichtliche Episoden mit mehr oder weniger umgebogenen Abschlüssen darstellten. Daran konnte sich das Auge freuen. Die Wildwestfilms brachten oft prachtvolle Naturszenerien und Reiterstückchen, die man immer wieder gerne sah. Auch die komischen Darbietungen hatten das Gute, daß sie wenigstens nicht geschmacklos wirkten und die Phantasie der jungen Zuschauer nicht ausschweifend und geil befruchteten. Aber die Vorherrschaft blieb den Films, die im Kino dasselbe Niveau vertreten, wie die Indianerbücher zu 10 Pfennig in der Literatur, wenn nicht schlimmer.
Die Kinobesitzer waren dagegen ohnmächtig. Sie folgten notgedrungen dem Geschmack ihrer Kunden. Wenn einer auf einem vornehmeren Film Hunderte @uges@tzt hatte, weil das Stammpublikum davor gähnte und zur Konkurrenz lief, mußte er wohl oder übel wieder zu einem Schlager greifen.
Zum vierten Mal sei es gesagt: Hätte sich das Publikum, das gebildet ist oder sich für gebildet hält, des Lichtbildertheaters von vornherein auf den besseren Plätzen bemächtigt, statt es naserümpfend links liegen zu lassen, so bräuchten wir heute über die Kinoplage nicht zu jammern.
Die Pedanten haben natürlich, wie immer, ihrerseits die Karre verfahren. Sie wollten das Kino für Wissenschaft, Moral, Ästhetik, Ethik, Volkserziehung, Volksunterricht, Volksbildung nach Magisterart monopolisieren und brachten es nur fertig, die Besucher in die Flucht zu schlagen.
Ich sehe nur ein Mittel: Wir sollen uns dem Kino gegenüber stellen, wie dem Buch gegenüber. Wie wir jeder nach seinem Geschmack unsre Bücher auswählen, und wie wir die Buchhändler durch unsre Nachfrage veranlassen, diese Bücher zu bestellen, sollen wir alle, die wir über das Schundkino jammern, damit anfangen, hineinzugehen, die Überhand zu gewinnen, dem Unternehmer unsern Geschmack aufzunötigen und das übrige Publikum von den Schauergeschichten entwöhnen zu helfen.
Wer nicht hineingeht, hat kein Recht, sich darüber zu entrüsten.