Ich erzählte hier vor Jahr und Tag von der deutschen Kreideinschrift an der Ecke der Post: „Nach Sandweiler“ - mit einem ostwärts zeigenden Pferd. Und wie die Schrift hartnäckig, wenn auch halb verlöscht, die sechshalb Kriegsjahre dort gehastet hatte; ein schreckhafres Omen, bis die Legionen Wilhelms des Flüchtigen dem rückwärts und ostwärts zeigenden Pfeil folgend über die Sandweiler Straße sich wieder in ihr unglückliches Land ergossen.
Jetzt graut mir, wenn ich an den Ausgangen der Stadt immer noch die weißen amerikanischen Wegschilder mit der roten Raute an die Bäume genagelt sehe. Mir ist zumut, als seien das zurückgelassene Kriegsfermente, aus denen neues Unheil sich herausgäten könnte. Macht um Gottes Willen, daß die Schilder wegkommen! Wenn eine Rauferei vorbei ist, wird mit den Scherben und Stuhlbeinen aufgeräumt.
Schafft uns die Schilder fort, die an den Krieg erinnern, sonst sind auf einmal die Heerscharen wieder da, denen sie einst den Weg durch unsre Heimat zeigten, die ratternden, schnatternden, schnarchenden, dröhnenden, schnaubenden, wiehernden Riesenwagen, die trappelnden Rosse und die bestaubten Menschen, die von Mordinstrumenten starrten - und darüber in den Lüften die apokalyptischen Reiter Krieg, Pest, Hungersnot und Tod.
Schafft uns die Schilder fort, sie ziehen den Krieg an, wie Eisen den Blitz. Und sie verkünden unheimlich, wohin sich die Lawine des Entsetzens hinwälzen soll. Und das Rauten-Aß daneben grinst: Rot ist Trumpf! Blut ist Trumpf!
Fort mit den Schildern!
Aber wer soll sie fortschaffen? Sie sind amerikanisches Heeresgut. Unsre Negierung darf es mit Wilson nicht verderben, sie darf sich nicht an militärischem Besitz der Vereinigten Staaten vergreifen, sie darf keine interkontinentalen diplomatischen Zwischenfälle heraufbeschwören, die Mächte haben mit uns sowieso schon Scherereien mehr als genug. Ich bitte den amerikanischen Konsul inständig, die Sache der Schilder in seine starke Hand zu nehmen.
Und des weitern ginge mein Vorschlag dahin, die Schilder nicht etwa zu Brennholz zu zerschlagen, sondern sie vielmehr dem historischen Museum im Pfaffental einzuverleiben. Unsrer Generation und den paar nachfolgenden werden diese Schilder freilich nicht viel zu sagen haben. Aber man darf bei der Anlage solcher Sammlungen nicht nur an sich denken. Was gäben wir darum, wenn wir heute die Wegschilder besäßen, die den Truppen Ludwigs des Vierzehnten oder Napoleons die Wege durch unser Land wiesen oder die zur Römerzeit um das Dalheimer Lager herum und die „Chi’eme“ entlang standen, um den Legionen zu zeigen, wohinaus es nach Trier und Arlon, nach Metz und Verdun ging!
Also Herr Konsul, lassen Sie Sich vom General Pershing die Evmächtigung geben, die amerikanischen Wegschilder abnehmen zu lassen und schenken Sie sie Herrn van Werwecke für da. Museum. Vielleicht nimmt er nicht alle, weil sie zuviel Platz wegnähmen. Dann findet sich leicht eine Schöne, die um ihren Sammy trauert - er hatte nicht geschrieben, ob er gesund geblieben - und sie wird froh sein, etwas Amerikanisches zu besitzen, an das sich ihre Sehnfucht und ihr Erinnern anklammern können und daraus sich sogar vielleicht eine Wiege zimmern ließe.
Gestern hörte ich jemand sagen: Merkwürdig, wie die Amerikaner so ganz und spurlos aus unserm Leben verschwunden sind. Wie verflüchtigt. Sie kamen, gingen und es war, als seien sie nie dagewesen. Alle diese Generäle und Cö’nels und Mä’djers und Lutennents und Preivets - alle diese Plantagenbesitzer und Bankiers und Diamantenhändler und Jims und Bobs und Jacks - dahin in die Lüfte, verraucht, verflogen, vergessen. Wir lächeln ein wenig ironisch und ein wenig beschämt. wenn wir daran denken, wie es damals geläufig hieß: „Wir haben drüben an unserm Tisch einen interessanten Amerikaner.“ Das horte man dutzendmale an einem Abend. Sie waren alle interessant, weil sie alle Amerikaner waren, jeder mußte unbedingt das sein, als was uns die Romane und Theaterstücke die Amerikaner immer geschildert hatten. Man schloß Freundschaften fürs Leben, die ganz genau dauerten, bis der Freund von drüben sich in Brest eingeschifft hatte - wenn sie so lang dauerten. Weil hinter dem Amerikaner schließlich wieder nur der Mensch hervorgekommen war.
Aber die Schilder hängen immer noch und sehen aus wie hämische Störenfriede, wie zurückgelassene Kriegsfermente.
Schaffen Sie uns die Schilder weg, Herr Konsul!