Herr Generaldirektor Neyens hat die letzte Zeit über allerhand Scherereien und Plackereien mit den Finanznöten des Staates und vieler seiner Bürger gehabt. Die Valuta und Valorisation und die Mark und der Franc tanzten in seinem Gehirn Fox-Trott. Er wird mir dankbar sein, wenn ich ihm ein bischen Abwechslung verschaffe.
Also erlaube ich mir, ihm die vielleicht indiskrete Frage zu stellen, wann er denn endlich die mißratene Sonntagsruhe in der Briefbestellung wieder abschaffen wird.
Ich kann ihm die Versicherung geben, daß diese Art Senntagsruhe von niemand im Land gebilligt wird, außer ein paar Postperzeptoren da draußen. Dann kommt die beträchtliche Menge von Luxemburgern, die weder Werktags noch Sonntags jemals Briefe bekommen und denen die Maßregel vollständig Hekuba ist. Der Rest aber ist Fluch und Verwünschung.
Sparen Sie, Herr Minister, aber sparen Sie nicht auf einem Apparat, der seiner Bestimmung nach ein Werkzeug des Erwerbs ist. Wenn es ein paar Tausender kostet, die Sonntagsbestellung wieder einzuführen, gut, verkaufen Sie Ihre Briefmarken um einige Zentimes teurer, das nehmen Ihnen am wenigsten diejenigen übel, die die meisten Marken verbrauchen.
Als vor zwei Wochen die Nachricht von dem Berliner Putsch eintraf, war es grade an einem Samstag abend. Die Meldung war derart, daß sie das lebhasteste Interesse im ganzen Land beanspruchte.
Ihre unsinnige Sonntagsruhe war aber daran schuld, daß die Presse normalerweise mit dieser höchst wichtigen Meldung nicht vor Montag nachmittag an das Publikum gelangen konnte.
So wird es jedesmal sein, wenn eine wichtige Nachricht Samstags abends eintrifft. Dann braucht aber doch schließlich nichts mehr zu passieven, wenn es die Leute nicht wissen sollen.
Sie, Herr Minister, werden sagen: „Wozu sind denn die Extrablätter und wozu sind Telegraph und Telephen da?
Abgesehen davon, daß mit all diesen Mitteln die Leserschaft in ihrer Allgemeinheit nicht zu erreichen ist, bemerke ich ergebenst, daß die Extrablätter und daß Telegraph und Telephon Geld kosten. Also dafür. daß Sie eine Ersparnis machen, sollen die Zeitungen tiefer in den Beutel greifen. Gestatten Sie, daß wir das nicht ohne weiteres mitmachen.
Und unsre Abonnenten auch nicht. Sie haben dafür bezahlt, daß ihnen die Post u. a. die Morgennummern ihrer Zeitung zustellt. Die Post sagt: Für den Sonntag morgen stecke ich die Bezahlung ein, aber ich er- laube mir, Ihnen dafür nichts zu liefern. Von zwölf Bestellungen in der Woche. zu denen ich mich verpflichtet habe, schinde ich eine eigenmächtig. Sie brauchen von Samstag abends bis Montags abends nicht zu wissen, was in der Welt vorgegangen ist. Wenn Sie es dennoch erfahren wollen, fragen Sie einen von der Post. der Sonntags früh die Zeitungen der Abonnenten gelesen hat.
Sie haben damals, Herr Minister, als Sie mit dieser Neuerung hervortraten, nicht übel Lust verraten, den Quäkersonntag, zu dem Sie den Anfang machten, immer weiter auszubauen, bis es bei uns würde, wie in England.
Dann müssen Sie, wenn Sie gütigst gestatten, Sich aber sehr beeilen. Denn in England haben sie bereits angefangen, ihre strenge Sonntagsruhe abzubauen. Im Excelsior berichtet Albert Acremant, daß die englischen Soldaten während ihres Aufenthalts auf dem Kontinent sich von dem heimatlichen Sunday entwöhnt und jetzt freiere Sitten in ihrer Heimat eingeführt haben. Schon werden Sonntags in England Straßenrennen veranstaltet, sobald aber der Sonntag dem öffentlichen Sport gehört, wird niemand mehr daheim bleiben und die Bibel lesen wollen. Und so wird eine Schranke nach der andern fallen, bis der englische Sonntag ganz wieder dem Leben gehört.
Bis dahin, Herr Minister, gedenken Sie uns den umgekohrten Weg zu führen. Fürchten Sie nicht, daß man Sie dafür ein wenig, auslachen wird?