Ich sinne hin und her und weiß mir am Ende nichts bessers, lieber Leser, als Dir nachträglich den Mund wässern zu machen und Dir zu sagen, wie schön es war. Erst waren zwei Sonntage verregnet, ausgerechnet die Sonntage aus der Woche herausgestochen, und dann kamen die zwei Sonnen-Sonntage aus des lieben Herrgotts ertraköstlicher Sammlung.
Das Merschertal war ein Samt, die Alzette war von grüngrauem Atlas - eine Dame wünschte sich se eine Bluse und der junge Mann, der bei ihr war, griff in der Inspiration des Augenblicks an seine Kravatte. Die Sauer aber war luftklare Lasur über braunen Kieseln und Felsen und weiter hinaus ein märchenhaft blaues Band durch die Wiesen. Die Berge standen in medebraun und hatten leuchtend grüne Westen an. Ich wollte, du und du und du, ihr hättet mit mir auf der Göbelsmühler Brücke gestanden. Was ist Wasser, was sind Steine? Aber mach daraus die Sauer zwischen öslinger Bergen, so wird es ein Wunder. du blickst hinein und es wird ein Geheimnis, halb entschleiert und voller Leben und voller Kräfte, die dich locken. Das zieht dir Gedanken und Träume aus der Seele, wie das Spinnrad den Flachs vom Wocken zieht, und spinnt sie hinein in das Strömen und Ziehen, bis du darin aufgehst und mit hinausstrudelst in das große Sichverlieren und Wiederfinden.
Am Pfad hinauf stehen noch die trockenen Stengel des Fingerhut, den du im Herbst hattest blühen sehen. Wo eine Schlucht herunter ein Rinnsal sich seinen Zickzackweg sucht, ist der Rasen schon dunkelgrün. Die Granitwände haben ihre schönste Patina über und blicken, wie gefirnißt. Die Lämmerschwänzchen an den Haselnußstauden sind schon übernächtig, ihre Flitterwochen sind längst vorüber, aber sonst leuchtet es von frischen Knospen und Knöspchen. Der Hof schimmert weiß von der Höhe, ein Hund bellt, Sonntagswandrer steigen vor uns bergan. Aber wir bleiben alle zehn Minuten stehen und schikken die Augen in die Runde und freuen uns. Es muß schon so sein, daß alles, was wir mit unsern Sinnen erfassen, im selben Augenblick ein Teil unsrer selbst wird und daß die Freude an weiten Rundblicken einfach die Freude des Individuums ist, das sich in’s Tausend- und Millionenfache wachsen fühlt. Warum wäre sonst unsre Stimmung in solchen Augenblicken eine genaue Spiegelung des Charakters der Landschaft? Es kann einer subjektiv die triftigsten Gründe haben zu jauchzen oder zu weinen, ausgelassen oder elegisch zu empfinden, er wird unweigerlich von der Aussicht unterjocht, er wird am Toten Meer sich trostlos verlassen fühlen, trotzdem die Reisegesellschaft Champagner trinkt, und er wird beim heilgen Veit vom Staffelstein, wenn die Lande um den Main im August zu seinen Füßen liegen, zu einem fröhlichen Mann werden, trotzdem ihn der Pfarr nicht haben wollte und er einsam durch den Wald als räudig Schäflein traben mußte.
Ein Hof im Ösiing ist ein Königreich, das Herr Lebaudy, wenn er es kännte, zweisellos seinem Kaiserreich der Sahara vorziehen würde. Wohl dem Durstigen und Hungrigen, dessen Pfad ihn über einen öslinger Hof führt. Und außerdem zeigen sie ihm malerische Pfade durch’s Gehölz nach der Schloßruine auf dem Berg und erzählen ihm aus alten Tagen: Wie zum Beispiel dazumal der Feind die Burg belagerte, Wochen, Monate lang, und wie sie nichts mehr zu essen hatten, als einen halben Sack Korn und einen fetten Ochsen. Da riet der Hofmann: Gebt dem Ochsen das Korn zu fressen, schlachtet ihn und rollt den vollen Pansen den Berg hinunter in’s feindliche Lager. - Gesagt, getan. - Und als das die Feinde sahen, merkten sie, daß noch alles im Überfluß da war und zogen beducht wieder heim.
Und Anemonen sahen wir stehen, und ein blühendes Schlehdornzweiglein steckte ich an meinen Hut, und eine Ginsterblüte sah ich schon gelb entfaltet an einem Südhang.
Eine sehr vernünftige Dame hatte mir Tags vorher gesagt: Einerlei, ob wir das schöne Wetter später büßen, wir haben’s aber doch, also freuen wir uns dran.
Also freuen wir uns dran. Was man hat, hat man. Die Zeiten sind so, daß wir Gegenwartsmenschen werden müssen.