Original

31. März 1920

Wenn die Buben ihre Klicker hervorholen, fangen die kleinen Mädchen an Seil zu springen. Auf allen Dorfstraßen peitscht jetzt das Seil die Chaussee, auf allen Stadtplätzen drehen die jungen Arme unaufhörlich, bald allein, bald zu zweien, bald mit einem Seil, bald mit zweien.

Jetzt sind die Straßen staubfrei, mit einer elastischen Schlickschicht überzogen. Es ist nicht zu warm und nicht zu kalt, der März schenkt uns die hellen, gelängten Tage der Osterzeit und alles, was sich des Lebens freuen will, drängt heraus an die Frühlingsluft.

Man sollte „Seil tanzen“ sagen, nicht „Seil springen“. Ich habe einer Gruppe kleiner Mädchen auf dem Wilhelmplatz zugesehen. (Im Stehen, mit dem Rücken an dem Baum, an dem ich mir einmal überm Maulaffen den Schädel angerannt hatte). Die zierlichen Gestalten waren zum malen. Sie sprangen nicht, sie tanzten. Der junge Körper jauchzte seine Lust am Federn, am Spannen und Entspannen der Muskeln, an der Gebundenheit durch das Tempo und den Rhythmus des schwingenden Seiles. Sie machten Fiorituren mit den Beinen, tanzten Varianten, drehten sich, wiegten sich in den Hüften, lachten und wußten mit graziösem Schlußeffekt aus dem Bann des Seils herauszuvoltigieven und die Bewegung aller Glieder harmonisch zur Ruhe abklingen zu lassen.

Seiltanzen heißt mehr, als im Takt auf und abhüpfen. Seiltanzen heißt sich freiwillig in einen Zwang begeben, dem man Schönheit und Lust einordnet. Das können die kleinen Mädchen und das können die Buben nicht. Grade wie die kleinen und großen Mädchens sich der Tortur des Korsetts und der Stöckelschuhe und der Kunstfrisur bequemen und die Buben und Männer nicht.

Darum meinen dann die Buben und Männer, sie seien freier, als das schwächere Geschlecht. Und ahnen nicht, daß sie sich später blindlings in die Sklaverei des Seilspringens begeben, wo die Frau abseits steht und das Seil dreht. „Tanzöh, tanzöh, du armer Tor!“

Ein alter Bauer in meiner Heimat hatte die kleinen Mädchen gelehrt, wie sie beim Seildrehen zählen mußten: Eva. Defa, Tru’efa!

Seht Ihr, wie sii auf eva defa tru’efa losspringen! Mal ist es einer allein, er findet am Springen sein Vergnügen, es macht ihn nicht müde, er schwitzt nicht und keucht nicht und ruft den Kameraden zu: „Seht, wie ich tanze! Habt Ihr keine Lust?“ Die Frau dreht mählich rascher, er muß folgen. Er kommt in’s Keuchen und Schwitzen, aber er tanzt folgsam weiter - weil er nicht weiß, wie man es machen muß, um ungeschoren herauszuspringen. Manchmal springt einer zum andern, ein dritter zu den zweien, ein vierter zu den dreien und am Ende tanzt ein ganzer Klumpen im Seil einer Frau. Das nennt man dann einen Salon, oder einen Stammtisch, oder ein gastliches Haus, oder eine Zara!

Wir halten heute das Seiltanzen der kleinen Mädchen für ein harmloses Vergnügen. Die alten Leute hatten darüber andere Ansichten. Ich werde zeitlebens an den Fluch denken, den daheim einmal ein altes Mütterchen gegen ihre seiltanzende Enkelin schleuderte. Das junge Ding - sie hieß Änn - sollte an einem Samstag nachmittag die Straße kehren. Sie machte eine Pause, holte ihr Seil und drehte sich selbst eine Tour. Da humpelte die Großmutter aus dem Haus auf sie zu und krächzte: „Du ondugend Steck!“ Und der Herrgott soll sie strafen, daß sie immer fort tanzen muß ohne Rast und Ruh bis sie tot hinfällt. Und ob das nicht eine Schmach und eine Schande ist, daß so ein pflichtvergessenes Ding Seil springt, statt die Straße zu kehren!

Die fürchterlichsten Dinge prophezeite das alte Mütterchen ihrer Enkelin. Und kaum’ hatte sie den Rücken gedreht, so tanzte die Aenn ihre Tour fertig. Ach ja, das drängende Blut ist stärker als die abgeklärte Weisheit der Alten. Und die Menschheit wird allen weiblichen und männlichen Großmüttern zum Trotz alle ihre Touren fertig tanzen, solange sie dazu die Lust und den Atem hat. Und sollte sie darüber tot hinfallen.

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    Katalognummer BW-AK-008-1633