Original

1. April 1920

Lieber Leser! Dieses ist ein Abenteuer, das dir sehr wohl an einem der nächsten Tage zustoßen könnte.

Du gehst über die Neue Brücke in der jungen Märzensonne und einem neuen Frühjahrsüberzieher - reseda mit Seidenfutter und dreifach gestepptem Rand - und du fühlst dein Blut moussieren, wie das im März als mal vorzukommen pflegt, zumal wenn man einen neuen Frühlingsüberzieher an hat, von dem man sicher ist, daß die Weiber im Vorbeigehen denken: Chic!

Na also: Vor dir geht mit elastischem Schritt eine elegante Dame „schlank und doch üppig“, würde Frau Anny Wothe sagen. Es ist eine Atmosphäre von Herausforderung um sie. „Mir kann keiner an die Wimpern klimpern!“

Aber du hast den neuen reseda Überzieher mit Seidenfutter und dreifach gestepptem Rand an, dein Blut moussiert in der jungen Märzensonne, und du greifst deinerseits in den altmärkischen Zitatenschatz: „Feste druff!“

Du beschleunigst den Schritt und überholst die üppige Schlanke, drehst dich um und siehst in ein Gesicht, das vollkommen hält, was die Rückseite versprochen hatte. Milch und Blut. Und der Blick! Du bist hin und legst in deine Augen und um deinen Mund den unverhohlenen Ausdruck deiner Bewunderung. Sie antwortet mit einem Ausdruck unsäglicher Verachtung. Es kann alles Mögliche heißen. Du liest natürlich das Schlimmste heraus und sagst: Oho! Sie sagt: Meinten Sie was? - Ein Wort gibt das andre: Auf einmal geschieht etwas märchenhaft gewaltsames. Sie legt ihr Handtäschchen auf die Brüstung des Brückengeländers, greift nach deinen Schultern, wirbelt dich herum, packt dich im Rücken und stemmt dich eins zwei hoch über die wippende Reiherquaste ihres Hütchens.

Du weißt nicht, wie dir geschieht. Der blaue Himmel und die weißen Wolken, der Gockel auf dem Kirchturm von Liebfrauen und die Strahlensonne auf dem Zwiebelturm der Synagoge und die Gaspericher Höhe und der Johannisberg schießen kreuz und quer durcheinander wie in einem expressionistischem Holzschnitt.

„Ziehen Sie vor, rechts oder links über das Geländer zu fliegen?“ fragt sie.

Du bist überzeugt, daß alles nur ein böser Traum ist und sagst „Nach Ihrem Belieben, Gnädige. Die Wirkung bleibt dieselbe.“ Aber vorsichtshalber kneifst du dich in den Oberschenkel, ob es doch vielleicht nicht ein Traum, sondern Wirklichkeit ist.

Sie stellt dich lachend wieder auf deine beiden Füße, sorgsam, wie die Amme ein Kind hinstellt, und sagt: „Wenn Sie wieder was brauchen. Miß Gillis Pole Nord, bis Donnerstag abend. Sollten Sie an der einen nicht genug haben, es ist noch eine zweite starke Dame da, die Marietta, die läßt auch nicht mit sich spassen.“

Aber du bist auf einen grade vorbeifahrenden Trambahnwagen aufgesprungen. Deine Siegesstimmung ist verflogen und dein neuer Frühlingspaletot ist dir zuwider.

Freilich, es ist ein dummes Gefühl, an eine Frau geraten zu sein, die stärker ist, als ein Durchschnittsmann. Ich glaube wenigstens, daß das auf Männer peinlich wirken muß. Nicht ihretwegen, sondern der starben Frau wegen. Brunhilden gehören in’s Nibelungenlied, aber nicht in die Gesellschaft. Eine starke Frau ist nicht ein gefehlter Mann, wie sie sagen, sondern eine gefehlte Frau. Das Zeitalter der Gynekratie, der Vorherrschaft des Weibes in der Schöpfung, war das Zeitalter eines Tiefstandes, von dem sich die Menschheit fort entwickelt hat. Starke Frauen im Leben würden, so paradox es klingen mag, die Rasse verschlechtern. Nur auf der Bühne mögen sie gelten, aber nur, wenn sie anständig gewachsen sind, wie die beiden, die noch bis heute abend im Pole Nord zu sehen sind. (Heißt Nordpol, weil am Südende der Stadt gelegen.)

Gehen Sie hin, und sagen Sie mir morgen, ob Sie nicht finden, daß die zierliche Nissaia, die so schön spanisch tanzt und sich biegt, wie eine Damaszenerklinge, und die vier Tänzerinnen - jung, jünger, am jüngsten - die mit Sacka Ravynski in ihrem slavischen Repertoire allabendlich Triumphe feiern - daß diese als Vertreter der Weiblichkeit viel besser in den Schöpfungsplan passen, als die muskelgewaltigste Amazone.

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    Katalognummer BW-AK-008-1634