Original

2. April 1920

Heute ist Charfreitag. Heute wird in keinem alten luxemburger Haus Fleisch gegessen. Der überzeugteste Freidenker macht heute seiner Frau die Konzession, daß er nach den Vorschriften der Kirche ißt.

Aber reden darf man schon von Braten und Geflügel, und darum erzähle ich heute die Geschichte von unserm Freund Schrobiltgen und dem Schnepfensalmi.

Wir saßen einmal - es ist schon lange her, viel zu lange - in Paris in einem guten Haus beisammen und waren damit beschäftigt, die Speisekarte zu studieren. Es war um die Zeit, wo noch kein Schnepfenstrich war, aber wo schon die Sage ging, daß dieser oder jener eine Schnepfe gehört, gesehen aber gar geschossen hatte.

Der Kellner stand hinter mir, seinen Notizblock in der einen, den Bleistift gezückt in der andern Hand. Ich kann keinen Menschen warten sehen. Ich wählte schnell das erste Beste - es war, glaube ich, Kalbsmilcher mit Spinat - und der Kellner notierte. Dann richtete er weiter seine Blicke gottergeben und erwartungsvoll auf unsern Freund Schrobiltgen.

Dieser studierte die Karte, wie wenn sie eine Gesetzvorlage wäre, als deren Berichterstatter ihn das Vertrauen seiner Partei berufen hätte. Und plötzlich trat ein Glanz in seine Züge, als ob er in sotaner Gesetzvorlage den Artikel gefunden hätte, über den die Regierung zu stürzen war.

„Ober, geben Sie mir einmal Schnepfensalmi.“

„32 Francs,“ echote der Kellner.

„Ich frage Sie nicht, was es kostet.“

„Gut! Also: Einmal Schnepfensalmi.“

„Sehe ich aus, als ob ich es zweimal essen wollte?“

Der Kellner sah Schrobiltgen darauf hin an, ob er imstande wäre, zweimal Schnepfensalmi zu essen, behielt sich indes sein Urteil vor.

Als er mir meine Kalbsmilcher brachte, fragte Schrobiltgen:

„Ist das gut?“

„Köstlich,“ sagte ich.

„Kellner, bringen Sie mir einstweisen auch Kalbsmilcher, ich möchte nicht so lange müßig sitzen.“

„Gut, mein Herr.“

Er fand die Kalbsmilcher ganz nach seinem Geschmack.

Das nächste Mal, wo sich der Kellner in der Nähe unseres Tisches blicken ließ, posaunte ihn Schrobiltgen an: „Kellner, wann krieg ich denn mein Schnepfensalmi?“

Der Kellner kam in sichtlicher Verlegenheit näher und stotterte:

„Ja, mein Herr, ich habe die Bestellung aufgegeben, und da frugen sie mich, ob es für einen allein sein soll, da sagte ich ja, da sagten sie, es ist Unsinn, ein Mann allein ißt doch kein Schnepfensalmi für 32 Francs!“

Schrobiltgen war über der Rede hummerrot angelaufen.

„Sie Rindvieh mit Eichenlaub und Schwertern am Ring! Was geht es Sie und die andern an, ob ich ein Schnepfensalmi allein oder zu zwei oder zwanzig esse. Bringen Sie, was ich bestelle und kümmern Sie Sich nicht um den Rest. Wie lang wird das jetzt wieder dauern?“

„Immerhin zwanzig Minuten,“ sagte demütig der Kellner.

„Gut. Dann bringen Sie mir einstweilen einmal Schweinebraten mit Kartoffelpüree und Sauerkraut.“

„Jawohl, mein Herr.“

„Ihr jawohl ist überflüssig. Ich setze als selbstverständlich voraus, daß ich bedient werde.“

„Jaw .... oh pardon!“

Schon enteilte der Mann im Frack und schon brachte er den Schweinebraten mit Zubehör. Schrobiltgen erledigte ihn in fünf Minuten - oder waren es drei? - und klopfte mit dem Messerrücken heftig an den Tellerrand.

„Kelluer, was macht mein Schnepfensalmi?“

„Ich will mal gleich nachsehen.“

„Hören Sie mal, bringen Sie mir in einem Aufwaschen gleich eine gefüllte Taube mit. Die machen sie hier sehr gut.“

Wir waren inzwischen schon beim Kaffee angelangt.

Die gefüllte Taube ging den Weg alles Fleisches. Und wieder hallten die Spiegelwände wider von der Frage:

„Kellner, mein Schnepfensalmi?“

Der Kellner näherte sich zögernd und vorsichtig unserm Freund Schrobiltgen.

„Mein Herr, ich bedaure sehr, aber Schnepfensalmi ist alle.“

Schrobiltgen sah uns Mitgefühl heischend mit den Augen eines wunden Rehes an und sagte:

„Ich hätte es mir denken können. Warum habe ich nicht gleich den Chateaubriand gegessen, zu dem ich Lust hatte! Garçon, un Chateaubriand pommes soufslées!“

„Einmal?“ fragte der Kellner.

Da war es Zeit, daß er um die Ecke kam.

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    Katalognummer BW-AK-008-1635