Ein Bekannter schickt mir eine Nummer des Bulletin des Halles mit einem Artikel über Kaugummi oder chewing gum.
Der Verfasser führt aus, daß der Gebrauch des Kaugummis in unglaublichem Maßstab überhand nimmt. In Amerika kauen heute nicht weniger als 75 Millionen Menschen, in Frankreich breitet sich das neue Laster infolge der Ansteckung durch die Sammies immer weiter aus. Im Jahre 1885 importierten die Vereinigten Staaten 5000 Zentner Kaugummi, im Jahre 1910 schon über 30 000 Zentner.
Für Luxemburg gibt das Bulletin des Halles keine Ziffern an. Aber die Zunahme muß sich im selben, wenn nicht einem noch schnelleren Tempo bewegen. Im Jahre 1910 kaute hier nur Herr Krau Gummi - daher der Name Kraugummi - heute zählen die Gummikauer im Großherzogtum nach Hunderten.
Sie dürfen Sich nicht vorstellen, daß Sie nur ein Stück von einem alten Pneu abzuschneiden und in den Mund zu stecken brauchen, um der Zunft der Gummikauer anzugehören. Die Herstellung des chewing gum ist eine Industrie für sich, und ein Stück Gummi ist noch nicht ohne weiteres ein Stück chewing gum, so wenig ein Teller Buchbinderkleister ein Pudding Diplomate ist.
Das Rohmaterial zum Kaugummi wird aus der Rinde eines Baumes gewonnen, der Achras sapota heißt und namentlich in Guatemala ausgedehnte Wälder bildet. Die Eingeborenen zapfen ihm den Saft ab, den sie Chicle nennen. Er verdickt sich allmählich, macht langwierige Prozeduren durch, wird mehrmals umgeschmolzen, bei der letzten Schmelzung mit Vanille, Pfefferminz, dem Saft von Zitronen und Apfelsinenschalen usw. parfümiert, zu Tabletten gegossen oder zu Bonbons geformt. So kommt er in den Handel und in den Konsum.
Wenn ein Naturprodukt schon Chicle heißt, ist es nicht zu verwundern, daß es seinen Lebenszweck später als Chique erfüllt. Ich würde sogar direkt behaupten, Chique käme von Chicle, wenn ich nicht wüßte, daß es vom Lateinischen cicoa kommt. Andre sehen eine Verwandtschaft mit dem Spanischen chico, was klein bedeutet. Chique, das französische Tabakpriemchen, heißt auch Murmel, daher unser mundartlicher Name für Murmeln.
Wir hätten uns also darauf vorzubereiten, daß demnächst wenigstens ein Drittel bis die Hälfte unserer männlichen Bevölkerung dem chewing gum huldigen wird. Der Artikel im Bulletin des Halles warnt davor als vor einer gesundheitschädlichen Unsitte. Das Gummikauen soll Magen und Zähne verderben und außerdem keinen Genuß gewähren.
Das Tabakrauchen gewährt anfangs auch keinen Genuß, aber wer sich daran gewöhnt hat, kann es nur schwer lassen. Daran ist eigentlich nur der unserm Mund anerschaffene Instinkt schuld. Unser Mund ist das Organ, durch das wir dem Kessel die nötige Heizung zuführen. Ihm ist das vegetative Bedürfnis anerschaffen, in Tätigkeit zu bleiben, solange noch für Heizung Platz ist. Den Säugling, der nur Naturinstinkten gehorcht, täuscht die Amme mit dem Schnuller zur Ruhe. Ein Stück Säugling steckt in uns allen bis zum Tod. Daher Pfeife, Zigarre, Zigarette, Priem, daher chewing gum. Schämen sollten wir uns samt und sonders als Kulturmenschen, so gemeinen Instinkten untertan zu sein. Ich für mein Teil werde mich nie so weit erniedrigen, wie die Rothäute Nordamerikas vor ihrer Entdeckung Gummi zu kauen.
Dann lieber die Pfeife. Vei ihr braucht man wenigstens nicht immer den trivialen Gestus des Essens vorzukäuschen.